Ein Humanist gegen die Religionsdespotie

Posted on November 4, 2016

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Castellio

Ausländische Besucher und Bewunderer Castellios suchten bisher in Basel vergebens nach einer Gedenkstätte für den Verfasser des «Toleranzmanifests». Den Mann zu ehren, der es wagte, Calvin zu widersprechen, wurde auch noch im letzten Jahr, 2015, anlässlich seines 500sten Geburtstags, von Calvinisten hintertrieben. Erst die private Initiative von Basler Bürgern hat das Verdienst, Sebastian Castellio  die Würdigung bereitet zu haben, die seit der Entfernung seines Epitaphs aus dem Kreuzgang des Münsters überfällig war. 

Zur Stiftung der Gedenktafel, die am 4. November enthüllt wurde, bringt  nun auch die Basler Zeitung, deren Chefredaktor ein Calvinfan ist,  einen angemessenen Artikel: 

Basler Zeitung 4.11.2016:

 Castellio Basel_NEW.jpg

Heute wurde in Basel eine Gedenktafel für den grossen Humanisten Sebastian Castellio enthüllt, nicht im Kreuzgang des Münsters, wie es ihm gebührt hätte und wo einst sein Epitaph zu finden war, das im 17. Jahrhundert aus ungeklärten Gründen entfernt wurde.

Der Gelehrte der Reformationszeit, der dem Religionsdespoten Calvin die Stirn bot mit seinem ausserhalb Basels berühmten Protest gegen die Verbrennung des spanischen Arztes Servet in Genf auf Betreiben Calvins – von Stefan Zweig gewürdigt in dem Buch «Castellio gegen Calvin, ein Gewissen gegen die Gewalt», in Basel über Jahrhunderte offiziell so gut wie ignoriert bis hinaus über seinen fünfhundertsten Geburtstag letztes Jahr – hat heute von privater Seite endlich eine Ehrung erfahren, die lange überfällig ist.

Auch für uns ist die Stiftung dieser Gedenktafel eine Wunscherfüllung, die wir der Initiative des Basler Anwalts Bernhard Vischer verdanken. Besucher aus den Niederlanden, wo man das Andenken des grossen Humanisten immer gepflegt hat, werden in Zukunft nicht mehr vergebens in Basel nach einer Gedenkstätte für Sebstian Castellio suchen müssen.

Es gab zu Castellios Lebzeiten noch einen bemerkenswerten Fall eines «Ketzers» aus den Niederlanden in Basel, der in die Humanistenstadt emigriert war: der Wiedertäufer David Joris, dem man in Delft, wo er die Hinrichtung seiner Mutter hatte miterleben müssen, die Zunge durchstochen hatte, brachte es in Basel unter dem Namen Johann von Brügge zu Ansehen und Ehren; Joris war wie Castellio ein Gegner der Gewalt (anders als andere Wiedertäufer, die Münsteraner etwa), und er war mit ihm befreundet. Seine postume Enttarnung, Verurteilung und die Ausgrabung und Verbrennung seiner Leiche bedeutete eine weitere Bedrohung für den Verfechter der religiösen Toleranz, dem ein Prozess wie dem des Servet bevorstand, den er aber nicht mehr erleben musste. Der Tod war gnädiger als der finstere Despot Calvin.

Dass BaZ-Redaktor Markus Somm in der «Weltwoche» das Loblied auf Calvin anstimmte, den er als Vater des Kapitalismus pries, wobei dessen Despotismus völlig unter den Tisch fiel, Religionsterror kein Thema, wirft doch ein etwas seltsames Licht auf das Freiheitsverständnis des liberalen Redaktors, der ausgerechnet dem grössten Meinungsterroristen und Religions-Diktator der Schweizer Geschichte seine Reverenz erweist, als wäre der Ketzerjäger eine Offenbarung gewesen und als hätte es ohne Calvin keine Entwicklung zu wirtschaftlicher Prosperität gegeben. Die Fugger schafften es auch ohne Calvin. Auch die Kontore der Hanse sowie der oberitalienischen Städte brauchten keinen Zuchtmeister wie Calvin, um zu florieren.

Die Biografie des Humanisten, den die Humanistenstadt hungern liess, und dessen Andenken von den Calvinisten vernachlässigt bzw. zugunsten von Calvin unterschlagen wurde, wurde auch von der Basler Zeitung zunächst nur halbherzig  vorgestellt. Den Mann zu ehren, der es wagte, Calvin zu widersprechen, wurde offensichtlich von Calvinisten hintertrieben, auch die BaZ (Artikel von Schibli) zeigte zunächst die Tendenz, eher dem Verfolger Calvin „gerecht“ zu werden als dem Verfolgten. Die Basellandschaftliche Zeitung  (Artikel von Susanna Petrin)  wurde dagegen dem Religionsverfolgten gerecht. http://www.basellandschaftlichezeitung.ch/basel/basel-stadt/sebastian-castello-der-humanist-den-basel-hungern-liess-130628947

Es sind nicht nur die Calvinisten, die  hier mitgemischt haben, wie aus den Apologeten-Kommentaren  zur Ehrenrettung Calvins ersichtlich,  es ist die offizielle Ignoranz einer Stadt, deren Prominenz einen Castellio nicht ehrt, aber eine Religion der Intoleranz hofiert und die Kritik am Religionsterror zensuriert. Der linke Filz ist nämlich noch stolz auf seine historische und kulturelle Ignoranz.

In einer Stadt, deren für den Sektor Kultur zuständige Präsident ein Islamignorant ist, der die Religion der Intoleranz und der mörderischen Verfolgung von Dissidenten hofiert und nach dem Muezzin lechzt (der Muezzinruf sei für ihn «wie Kirchenglocken», O-Ton Guy Morin), und in der ein Nachtwächter der Gesinnungsüberwachung vom Format des Basler Meinungsaufsehers und stadtbekannten Historikers Georg Kreis, ehem. Präsident der Zensur-Kommission EKR, über Jahre das Klima der Intoleranz gegenüber Religionskritikern prägte und den duckmäuserischen denunziatorischen Islamkotau pflegte, in dieser Stadt ist die private Stiftung der Castellio-Gedenktafel eine wahre Wiedergutmachung.

Der Stifter Bernhard Vischer, der die Tafel enthüllte, will diesen Akt als „Anfang einer Castellio-Rehabilitation“ verstanden wissen und schloss seine Rede im Albantal, wo bisher nur ein kleines verstecktes Weglein, das man lange suchen muss, an Castellio erinnerte, mit dem Wunsch, es möge in Basel dereinst eine Enthüllung eines „Arc de Triumphe de la tolérance“ geben.

Ein kühnes Wort zu einer Zeit, in der ein anderer Geist zu triumphieren droht, unter der falschen Flagge der Toleranz, und uns nur die Hoffnung bleibt, dass die Anhänger der Zwangstoleranz für die Religion der Intoleranz, die eine Verfolgerreligion gegen Religionsverfolgte verteidigen, auch noch das Andenken der humanistischen  Stimme des Gewissens als Wasser auf ihre Mühlen lenken. Denn tolerant sein gegenüber der Barbarei heisst nicht, die Toleranz verteidigen, sondern die Barbarei.

 

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