Gedenken an den Warschauer Aufstand

Posted on August 1, 2015

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Vor 71 Jahren, am 1. August 1944, begann der > Aufstand von Warschau gegen die deutschen Besatzer, gegen  Wehrmacht und SS. Die polnische Heimatarmee, der bewaffnete Arm des Widerstands, hielt 63 Tage durch. Die blutige Bilanz:  Bis zum 2. Oktober 1944 hatten die  Deutschen etwa 15.000 Kämpfer der Heimatarmee und 150.000 bis 200.000 Zivilisten umgebracht.

Der polnische Widerstand war einzigartig in Europa, es gab einen kompletten Untergrundstaat, mit der Exilregierung in London. Weder die Heimatarmee bzw. was von ihr übrig blieb, noch der Einsatz der polnischen Zivilbevölkerung im Widerstand erfuhr unter dem neuen Regime der Kommunisten die Anerkennung, die ihm gebührte. Er konnte erst offiziell gewürdigt werden nach dem Ende der Herrschaft der Kommunisten, die die Kämpfer der Heimatarmee und die Überlebenden des Widerstands ausschalten wollten. Die Nazis wurden abgelöst durch Stalins Regime, unter dem 1940 über viertausend polnische Offiziere im Wald von Katyn ermordet worden waren. Zur Auflösung der Widerstandorganisationen und den Repressalien in der Nachkriegszeit:
https://de.wikipedia.org/wiki/Polnischer_Untergrundstaat

(…) Aufgrund der fortschreitenden sowjetischen Offensive wurde die Heimatarmee am 19. Januar 1945 aufgelöst. Im Juli 1945 erfolgte auch die Auflösung der zivilen Strukturen des Polnischen Untergrundstaates. Als einer der ersten westlichen Beobachter sah George Orwell den Weg Polens in einen von der Sowjetunion abhängigen Satellitenstaat.[
    “No, the ‚Lublin Regime‘ is no victory for socialism. It is the reduction of Poland to a vassal state … Woe to those who want to maintain their independent views and policies.

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Zu den Figuren des Widerstands, die die die Gestapoverhöre und Folter überstanden hatten und dann unter dem Kommunisten diskriminiert und existentiell bedroht wurden, war auch die Krankenschwester Irene Sendler, die «Mutter der Holocaustkinder», deren todesmutige Rettungsktionen für über 2000 jüdische Kinder, die sie aus dem Getto herausschmuggelte, in Zusammenarbeit mit der jüdischen Untergrundorganisation Zegota, erst nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft in Polen eine überfällige Anerkennung fand.

Der britisch-polnische Soziologe Zygmunt Baumann sagt in einem Interview (im «Magazin» 27/15) auf die Frage, „warum Menschen sich in einer moralischen Frage so oder so entscheiden“:

«Die polnische Soziologin Nechama Tec hat in ihrer Studie «When light pierced the Darkness» die Motive untersucht, die im besetzten Polen einzelne Christen dazu bewogen, ihr Leben zuriskieren, um Juden vor der Vernichtung zu retten. Zu ihrer und aller Sozioloen Überraschung fand sie keinen statisatiusch signifikanten Faktor, der auf moralisches Handeln hinweist. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Hilfs- und Opferbereitschaft einerseits und Klassenzugehörigkeit, einkommen, Bildung, Religion oder politischer Einstellung andererseits. Weshalb verschiedene Menschen sich in der gleiche Situation unterschiedlich verhalten, ist  und bleibt ein Geheimnis. Am Ende ist es die Persönlichkeit und ihre Verantwortung.»

Irena Sendler

Irene Sendler war eine solche Persönlichkeit, die über Jahre ihr Leben riskierte, um Kinder aus dem Ghetto zu retten. Ganz sicher ist humanes Verhalten keine Klassenangelegenheit. Es gab Christen, die sich um die jüdischen Kinder kümmerten, und daneben gab es zusätzlich zu den Vernichtungsaktionen der Nazis auch den einheimischen Antisemitismus im katholischen Polen, aber auch Katholiken im heldenhaften Widerstand, wie etwa der Untergrundkurier Jan Karski, Offizier der Heimatarmee, ihn verkörpert, der vergeblich versuchte, das Judenmorden aufzuhalten, das er Roosevelt persönlich eindringlich vor Augen führte. 

Auch der Widerstandskämpfer Witold Pilecki, der freiwillig nach Auschwitz ging und 1940 den ersten Bericht über das Lager an die Alliierten lieferte, gehört zu diesen eindrücklichen Gestalten.

witold-pilecki 1

Witold Pilecki [‚vitɔld pi’leʦki], Decknamen: Roman Jezierski, Tomasz Serafiński, Druh und Witold (* 13. Mai 1901 in Olonez, Russisches Kaiserreich; † 25. Mai 1948 in Warschau, Polen), war ein Soldat in der Zweiten Polnischen Republik. Er gründete während des Zweiten Weltkrieges die Widerstandsbewegung Tajna Armia Polska (dt. Geheime Polnische Armee) und war Mitglied der Armia Krajowa (dt. Heimatarmee). Als einziger bekannter Mensch ging er freiwillig in die Gefangenschaft des KZ Auschwitz. Dort organisierte er den Widerstand der Insassen und informierte bereits 1940 die westlichen Alliierten über die Gräueltaten der Nationalsozialisten im Lager. Er floh 1943 und nahm ein Jahr später am Warschauer Aufstand teil. 1948 verurteilte ihn ein Gericht der Volksrepublik Polen jedoch im Zuge des polnischen Bürgerkrieges wegen Spionage zum Tod und ließ ihn kurz darauf hinrichten. Erst nach Ende des kommunistischen Regimes wurde er rehabilitiert.

    Die Berichte von Witold Pilecki sind neben denen von Jan Karski ein wesentlicher Bestandteil der Auschwitz-Protokolle und trugen maßgeblich zur Aufklärung des Holocaust bei.
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Hier sei noch an die Frauen des polnischen Widerstands erinnert, die Jan Karski würdigt:

Aus «Mein Bericht an die Welt», aus dem Kapitel «Die Verbindungsagentinnen»:

Im Lauf meiner Tätigkeit entwickelte ich grosse Sympathie für die Frauen im Untergrund, die hart arbeiteten und viel litten. Ihre Hauptaufgabe .als Verbindungsagentinnen war es, Kontakte zwischen den Kameraden im Untergrund zu erleichtern. Sie waren ein entscheidendes Kettenglied bei unseren Aktionen und oft genug mehr gefährdet als die Personen, die sie zusammenzubringen halfen. (…)

Niemand, auch nicht die engste Verbindungsagentin, durfte meinen Decknamen kennen oder die falschen Papiere, die ich beständig bei mir trug. Unter solchen Bedingungen war die Kommunikation zwischen Mitgliedern des Untergrunds oft nahezu unmöglich. Die Verbindungsgentin kümmerte sich darum. Wenn ich einen Untergrundführer kontaktieren wollte, dessen Decknamen ich nicht kannte und dessen Adresse ich mir nicht beschaffen konnte, suchte ich nach seiner Verbindungsagentin.
 
Die Frauen hingegen waren vollkommen ausgeliefert. In vielen Fällen stand die Privatwohnung einer Verbindungsagentin dem Untergrund zur Verfügung. Man liess sie nie aus den Augen, sie musste an einem Ort leben, wo sie leicht zu finden war, und ohne Erlaubnis durfte sie Namen und Adresse nicht ändern. Solange sie aktiv  war, konnte man es ihr nicht erlauben, unterzutauchen und für uns nicht mehr greifbar zu sein, denn das hätte bedeutet, dass Kontakte zwischen Angehörigen und Sektionen des Untergrund abgebrochen wären. Eine Verbindungsagentin und ihre Wohnung wurden von Angehörigen einer  speziellen «Observierungsabteilung» immer sorgfältig überwacht. Wenn die Deutschen sie festnahmen, konnte sie uns nicht verraten, auch nicht unter der Folter, weil innerhalb von zwei oder drei Stunden alle Personen, die mit ihr Kontakt gehabt hatten, ihre Namen und Adressen änderten.

Deshalb war sie in ständiger Gefahr. Alle Einzelheiten ihres Lebens waren vielen Menschen bekannt. Das allein ist in der Untergrundarbeit schon unerwünscht.  Sie hatte zudem immer belastende Dokument bei sich. Ihre Bewwgungsmuster mussten Verdacht erregen, ihre Anwesenheit an vielen gefährlichen Orten war unverzichtbar. Die durchschnittliche Lebensdauer einer Verbindungsagentin betrug selten mehr als ein paar Monate.

Unweigerlich fielen die Frauen irgendwann der Gestapo in die Hände, meist unter Umständen,die keinen Zweifel an der Art ihrer Tätigkeit liessen. In den Nazi-Kerkern wurden sie mit bestialischer Grausamkeit behandelt. Die meisten hatten Gift bei sich und die Anweisung, es ohne Zögern zu schlucken, wenn es nötig wurde. Es war beinahe unmöglich, sie aus dem Gefängnis herauszuholen, und der Untergrund konnte das Risiko nicht eingehen, dass sie unter der Folter zusammenbrachen. Man kann sagen, dass von all jenen, die für den Untergrund arbeiteten, ihr Los am härtesten war, ihre Opfer am grössten war und ihr Beitrag am wenigsten gewürdigt wurde. Sie wurden mit Arbeit  überlastet und waren von Anfang an verdammt. Sie stiegen nicht in hohe Ränge auf und wurden für ihren Heldenmut kaum geehrt.
Die meisten Verbindungsagentinnen, mit denen ich zusammenarbeiten durfte, erlitten dasselbe Schicksal wie ihre Schwestern.

Karski berichtet den Fall einer jungen Agentinnen, die bei ihrer Festnahme durch die Gestapo es nicht mehr schaffte, die Papiere wegzuwerfen, und das Gift nicht mehr nehmen konnte:

Die Botschaft, die nach ihrem ersten und einzigen Verhör aus dem Gefängnis herausgeschmuggelt wurde, schilderte ihre Lage. Sie fesselten ihre Hände und Füsse an grosse Fleischerhaken und schlugen dann mit Gummiknüppeln auf ihre Geschlechtsorgane ein. Die Botschaft aus dem Gefängnis lautete:

             Als sie sie wegtrugen, war ihr Unterleib nur noch eine blutige Masse.
 
Der Krieg hat allen polnischen Frauen unbeschreibliches Leid zugefügt, aber die Verbindungsagentinnen litten mehr als ihre Geschlechtsgenossinnen, und die meisten verloren ihr Leben.
Für die Mütter, Töchter und Ehefrauen der Männer im Untergrund  war Kummer ihr tägliches Los. Wenn sie nicht selbst aktiv waren, war ihre Qual  noch grösser. Denn weil sie die Gefahr nicht einschätzen konnten und die herannahende Tragödie nicht ahnten, erwarteten sie sie dauernd und fanden keinen Augenblick Frieden, wenn die Ehefrau eines Untergrundkämpfers unter ihrem richtigen Namen lebte und ihr Mann aufflog, wurde sie im allgemeinen ebenfalls verhaftet. Oft genug wurde sie gefoltert, auch wenn sie nicht mitgearbeitet hatte, und man versuchte Geheimnisse aus ihr herauszupressen, die ihr Mann nicht verraten hatte. In der Regel konnten die Frauen die Gestapo nicht zufriedenstellen , selbst wenn sie es wollten, weil sie ienfach nichts wussten. Die Unglücklichen starben einen unfreiwilligen Märtyrertod, weil sie zufällig mit guten, mutigen Männern verheiratet
waren.
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