Die Prostitution der Sexualität

Posted on Juni 15, 2015

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Französisches Parlament stimmt für ein Verbot von Sexkauf

Dr. Ingeborg Kraus

13. Juni 2015 — Gute Nachrichten: Die Nationalversammlung in Frankreich hat am Freitag, den 12.6.2015, in 2. Lesung für ein Gesetz gestimmt, das Sexkauf verbieten soll. Gleichzeitig werden prostituierte Frauen und Männer straffrei gestellt und Ausstiegshilfen ausgebaut. Während das Gesetz in Frankreich schon im parlamentarischen Verfahren ist, müssen wir uns in Deutschland gegen eine windelweiche Reform wehren, die in erster Linie den Zuhältern in die Hände spielt. Wir fordern mit unserer Petition den Bundestag auf, ein Verbot von Sexkauf einzuführen. Damit würde ein Paradigmenwechsel eingeleitet, der den Schutz der Frauen in den Mittelpunkt stellt und gleichzeitig die Ausbeutung der Leidtragenden in der Prostitution ächtet. http://www.emma.de/artikel/frankreich-fuer-freierbestrafung-330197

Doch der Weg dahin ist lang und steinig – das kann man besonders gut am Beispiel Frankreichs beobachten: Das Gesetz wurde im Dezember 2013 in der Nationalversammlung, dem Unterhaus des französischen Parlaments, in erster Lesung mit großer Mehrheit über Parteigrenzen hinweg beschlossen. Dann lag das Gesetz beim Oberhaus, dem Senat, ohne weiter bearbeitet zu werden, weil es nicht auf die Tagesordnung gerufen wurde. Eine Anhörung Ende 2014 wurde sogar gefälscht, weil sie ergeben hatte, dass das Sexkaufverbot in Schweden gut gewirkt hat – im Protokoll wurden die Aussagen des Schwedischen Polizeileiters stark verdreht wiedergegeben ( https://zeromacho.wordpress.com/2014/10/30/french-senate-falsified-testimony-about-prostitution/ – englisch). Es ist in Frankreich ein offenes Geheimnis, dass sich einige der Senatoren prostituierte Frauen in ihre Büros bestellen, die an der Pforte als ihre „Nichten“ ausgegeben werden. Das könnte natürlich ein Grund für die Blockadehaltung gewesen sein.

Erst als Details im Strafprozess gegen Dominik Strauß-Kahn und 12 weitere Angeklagte wegen Beteiligung an einem illegalen internationalen Sexring bekannt wurden, stieg der Druck auf den Senat, das Gesetz endlich zu bearbeiten. Er verkehrte das Gesetz im März diesen Jahres ins Gegenteil: Die Freier-Bestrafung die zentrale Neuerung – wurde gestrichen. Dagegen sollte ein Straftatbestand, der prostituierten Frauen wegen „Kundenfangs“ mit Haft- und Geldstrafen belegt, wieder ins Gesetz geschrieben werden!

Die Abstimmung ging am Freitag in zweiter Lesung zurück in der Nationalversammlung und wurde dort wieder in die Ursprungsversion zurückversetzt. Nun muss erneut im Senat behandelt werden und geht dann zur endgültigen Verabschiedung noch einmal in die Nationalversammlung, die das letzte Wort haben wird.

In Deutschland werden wir auf dem Weg, die Menschenrechte auch für die Menschen in der Prostitution durchzusetzen, mindestens genauso viel Widerstand überwinden müssen. Die Lobby der Sexindustrie ist sehr mächtig und gut organisiert. Wir brauchen noch viel mehr Unterschriften für unsere Petition, damit wir nach der Sommerpause im Bundestag viel Wind für die Freierbestrafung machen können, wenn statt wirklich wirksamer Maßnahmen nur ein Bündel an Scheinreformen beschlossen werden soll.

Bitte verbreiten Sie die Petition per Email, Facebook und Twitter an Freunde und Bekannte und sprechen Sie über das Thema, damit in den nächsten Monaten eine gesellschaftliche Debatte angestoßen wird. Zusammen und mit Ihrer Hilfe können wir es schaffen.

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Die Prostitution der Sexualität

Von Kathleen Barry

The Prostitution of Sexuality 1995

(übers. Mond-Buch-Verlag Basel 1996)

Auszüge

„Was ist eine Frau?“ Ein Hilfsmittel zum Vögeln.“ Dieser Spruch, an einen Pfosten einer Strassenbar in Angeles genagelt, ist symptomatisch für das Sexgewerbe, nicht nur auf den Philippinen, sondern auf der ganzen Welt. Ein anderer Spruch – „Schütze dich vor AIDS, nimm Kondome“ erweckt den Eindruck, AIDS sei unter solchen Bedingungen das einzige Risiko für Frauen. Solche und ähnliche Bilder kamen mir vor Augen, als ich 1993 in einer Diskussionsrunde an einem Rechtsforum in Manila sass, das der Frage gewidmet war: „Sind Frauenrechte Menschenrechte?“

Während ich meinen KollegInnen in der Runde zuhörte, dachte ich an all die Frauen, die von Frauenhändlern von Bangladesh nach Pakistan oder von Lateinamerika nach den USA und nach Europa gebracht werden, an die Barfrauen in Olongapo, Subic Bay und Angeles, mit denen ich in den Tagen zuvor gesprochen hatte. Die meisten von ihnen waren noch immer so naiv wie viele der Frauen, die aus entfernten ländlichen Gegenden hierherkommen; einige von ihnen waren früher schon Opfer sexuellen Missbrauchs durch Inzest oder Vergewaltigung geworden, andere waren völlig ahnungslos oder ohne sexuelle Erfahrung, viele begriffen gar nicht recht, was mit ihnen hier geschah, befanden sich im Glauben, die amerikanischen „boyfriends“, die das Land verliessen, als die vereinigten Staaten ihre Militärbasen auf den Philippinen aufhoben, kämen später ihretwegen zurück; da waren die, die nach jedem Job mit oralem Sex in ihre Handtücher würgten, oder jene Frauen in den billigsten Bars (als gäbe es bei diesen grässlichen Löchern, die für Amerikaner und Australier gemacht sind und in der Regel auch von solchen Männern betrieben werden, noch einen Unterschied zwischen billig und „spottbillig“), die man „Drei-Loch-Frauen“ nannte, weil keine einzige Öffnung des menschlichen Körpers vor Vermarktung und Übergriffen und Zudringlichkeiten von Freiern geschützt ist.

Als wir an diesem für philippinische Verhältnisse typisch heissen Sommertag (35 Grad Celsius) in einem kühlen klimatisierten Raum sassen, dem die periodischen Stromausfälle Manilas nichts anhaben konnten, wanderten meine Gedanken zurück zu den Frauen in den Bars, von denen ich einige trotz meiner sehr kurzen Besuche näher kennengelernt hatte. Mir begann sich alles im Kopf zu drehen und der Magen zog sich mir zusammen, als meine Kolleginnen und Kollegen die Frage zu beantworten suchten: „Sind Frauenrechte Menschenrechte“ Angesichts der eben angetroffenen und in den vergangenen 15 Jahren wieder und wieder erlebten Realitäten wurde mir erneut bewusst, wie leicht es doch ist, auf Distanz zu gehen, einer Distanz, die oftmals zu einem akademischen Anspruch auf Objektivität oder zu legalistischem Liberalismus mit seiner Vorspiegelung der Unparteilichkeit führt.

Für mich wurde das Anliegen der in diesem Raum versammelten MenschenrechtsaktivistInnen und JuristInnen von der Realität der vergangenen Tage getrübt. Mir kamen meine Spaziergänge durch die Gegend der maisons d’abattage vor 15 Jahren in Paris in den Sinn. Die extreme Geringschätzung der Menschenwürde von Frauen, wie ich sie damals und heute in Paris, auf den Philippinen, in Thailand, in Bordellen, auf der Strasse oder in Schaufenstern ausgestellt sah, provoziert die Frage, die den Männern, Politikern, den Regierungen und ihren Institutionen zu stellen ist, aber nicht gestellt wird: „Sind Frauen Menschen?“

Wenn die Gesellschaft sexuell übersättigt ist, wird Sexualität als „Sex“ mit dem weiblichen Körper gleichgesetzt (in abwertender Bedeutung), dort wo man ihn kriegt, hat oder sich einfach nimmt.

Der Staat:

Patriarchale Gesetzgebung und Prostitution

Die Gesetzgebung zur Prostitution ist sehr unterschiedlich von Land zu Land, lässt sich aber allgemein in drei Kategorien unterteilen: das Verbot, nach dem jede Form von Prostitution illegal ist; Regulierung, die die Prostitution legalisiert und regelt; und die Abschaffung, die die Prostitution entkriminalisiert. In allen diesen drei Systemen mitsamt ihren Variationen ist die Zuhälterei – das Leben vom Einkommen einer Prostituierten – illegal.

Ganz gleich, wie ein Staat jeweils gesetzlich mit der Prostitution umgeht – eine Form der Prostitution, nämlich die sichtbare Strassenprostitution, gewöhnlich die unterste Stufe in der Prostitutionshierarchie – setzt die Frauen der sozialen und gesetzlichen Verurteilung und Bestrafung aus. Strassenprostitution ist in den meisten Ländern illegal oder gilt als nicht akzeptabel. Da sie sichtbar ist, ist sie der häufigste Anlass für Festnahmen, Bussen und Inhaftierung der Prostituierten. Frauen von der Strassenprostitution gehören zu den ärmsten, den ungeschütztesten und werden am häufigsten zu Opfern. Gemäss der Sexualpolitik haben Strassenprostituierte zweierlei Funktionen: sie sind zum einen leicht zu erkennende Ware für die Kunden und Tauschobjekte für den Markt, und zudem sind sie die Sündenböcke, auf die die ganze Verachtung der Prostitution fällt, um dem Strafrechtssystem zu genügen und der heuchlerischen öffentlichen Moral. Der Begriff „Aufforderung zur Unzucht“ bezieht sich meist auf Frauen, die Männer ansprechen, und nicht so sehr auf Männer, die Frauen kaufen für Sex.

Festnahme, Belästigung und Bussen für die Frauen aufgrund der für alle sichtbaren Strassenprostitution sind an der Tagesordnung, wohingegen die Polizei weithin die Prostitution in Bordellen, Hotels und Clubs zu übersehen pflegt. Durchgehend in allen Gesellschaften müssen Frauen in der Strassenprostitution mit Schikanen und Bussen rechnen, aber nie bis zu dem Punkt, dass man sie völlig von den Strassen entfernt, wo sie ständig verfügbar sind für die männliche Kunden-Nachfrage. Diese sichtbare Prostitution macht sowohl die Ware für die Männer allzeit greifbar und bedroht auch die soziale Distanz, die die Männer von der Prostitution erwarten, um ihr Leben als Bordellkunden von dem als Gatten, Liebhaber, Väter getrennt zu halten. Die schikanöse polizeiliche Überwachung von Frauen auf der Strasse stellt, garantiert den Kunden, dass diese säuberliche Trennlinie, die sie zwischen ihren Hausfrauen und ihren Huren gezogen haben, von der Polizei aufrechterhalten wird, sodass sie uneingeschränkten Zugang zu Frauen haben. Das ist auch zur Beruhigung – wenn auch einer unwirksamen – der Eltern gedacht, die wegen der Auswirkung der so sichtbaren Prostitution und Pornographie auf die Kinder in der Umgebung beunruhigt sind.

Obwohl viele, wenn auch nicht alle Strassenprostituierten von Zuhältern kontrolliert werden, erweckt ihre Sichtbarkeit in den Strassen den Eindruck, dass sie weder durch die Ehe eingeschränkt noch in Bordellen eingesperrt sind. Zieht man die patriarchale Kontrolle nicht in Betracht, dann werden Strassenprostituierte wie „Vagabunden“ behandelt, die sich weder im Griff des feudalen Ehesystems befinden noch durch die Sex-Industrie vermarktet sind. Die Bestrafung der für alle sichtbaren Strassenprostitutierten, weil sie Männer zum Sex auffordern, ersetzt die soziale patriarchale Kontrolle von Frauen sei es in der Familie sei es durch die Sex-Industrie.

Es gibt keine legale Form von Prostitution, die Frauen nicht miss-braucht und ausbeutet. Jedes patriarchale Staatswesen schliesst Frauen auf seine Weise in die Prostitution ein. In den Prohibitionssystemen, in denen die prostituierten Frauen als Kriminelle gelten, können sie nicht auf ein Recht bauen, das zu ihren Gunsten spräche oder ihnen Schutz gewährte. Wo die Prostitution gesetzlich anerkannt und reguliert ist, übersieht (vergisst) man ihre Ausbeutung durch Zuhälter und Kunden. Wo sie toleriert wird wie in Frankreich, werden Prostituierte immer noch auf den Strassen belästigt. Alle gesetzlichen Regelungen der Prostitution sind männliche Einrichtungen, die der männlichen Markt-Nachfrage Genüge tun und dem frauenfeindlichen Mythos huldigen, dass Prostitution eine notwendige und unvermeidliche sexuelle Dienstleistung zuhanden der männlichen Nachfrage sei. Die staatlichen Gesetze bestärken Männer darin, Frauen kaufen zu können für Sex und fördern die soziale Verachtung der Frauen, die das anbieten.

Die Prostitutionsgesetzgebung galt der Aufrechterhaltung des Sex-Marktes, indem sie die Kunden-Nachfrage bediente und zugleich die Geschlechtskrankheiten zu kontrollieren vorgab. Die Frage, die kein Gesetzessystem berührt, lautet: Haben Männer das Recht, Frauenkörper zu kaufen, um sie sexuell zu benutzen?

I Das Verbot (Prohibition)

Im Prohibitionssystem der Prostitutionsgesetzgebung ist jede Prostitution illegal, und sowohl die Prostituierten als auch die Kunden sind kriminell. Zuhälterei gilt als kriminell, weil sie die Prostitution fördert und weil die Zuhälter ihr Einkommen aus der Prostitution beziehen. Es gibt zwei unterschiedliche prohibistionistische Systeme: sozialistisch/kommunistische und kapitalistische.

Die sozialistische Unterdrückung der Prostitution

In sozialistisch/kommunistischen Staaten zielt die Prohibition auf die Ausrottung der Prostitution, weil sie unvereinbar ist mit den Idealen und Wertbegriffen des Staates. Die Prostitution wird abgelehnt als kapitalistische Markt-Transaktion und als eine Form der Ausbeutung. Während die Prostitution in den sozialistisch/kommunistischen Ländern für die Prostituierte wie für den Kunden illegal ist, werden prostituierte Frauen doch in gewissem Sinne als Opfer anerkannt. Zugleich halten es Männer in sozialistisch/kommunistischen – wie in allen patriarchalen Staaten – mit dem doppelten Standard: sie schliessen zwar die Prostituiertenquartiere (OUTLETS), halten aber zugleich einen gewissen Nachschub an Frauen zum sexuellen Verkauf für die Staatsbeamten, Diplomaten und auswärtige Geschäftsmänner bereit; die Pornographie wird offiziell verurteilt, ist aber hintenherum erhältlich.

Heute gehören China und Vietnam zu den wenigen prohibitionistischen Ländern unter sozialistischem System. Bis zur Revolution Maos 1949 war China ein Hauptzentrum des internationalen Frauenhandels. Unter sozialistischer Regierung und in der Sozialistischen Republik Vietnam wurde die Prostitution als illegal erklärt und ihre Eliminierung in Aussicht gestellt. Für Zuhälter und Frauenhändler gab es schwere Strafen. Besonders in Vietnam wurden Frauen als Opfer der Prostitution angesehen und „rehabilitiert“. Unter Mao rühmte China sich, die Prostitution vollständig ausgemerzt zu haben; und in Vietnam wurde nach Beendigung des Krieges dort die Zahl der Frauen in der Prostitution um zwei Drittel reduziert. Sexuelle Ausbeutung von Frauen in der Pornographie verschwand praktisch von der gesellschaftlichen Bühne.

Die Erfolge Chinas und Vietnams in der Kontrolle der Prostitution setzen eine totalitäre Staatskontrolle voraus, das Fehlen von Marktwirtschaft und Tourismus, eine mehr oder weniger gleichförmige Armut im ganzen Land, Dorf-Kollektive, Kommunen, oder Kader zur Überwachung der korrekten ((besser: offiziell erwünschten, vorgeschriebenen?)) Verhaltensstandards, Kollektivierung der Produktion, die den einzelnen kein üppiges Einkommen beschert. Wenn Männer nicht über das nötige Einkommen verfügen, sich Sex kaufen zu können und keine Markt-Ökonomie existiert, sind auch die Voraussetzungen für die Prostitution nicht gegeben.

Da Armut geschlechtsspezifische Formen aufweist, sind Männer die ersten Nutzniesser ökonomischer Vorteile bei beschleunigter wirtschaftlicher Entwicklung. Männer aller Klassen sind die ersten, die ein ausreichendes Einkommen erhalten. Es entstehen lokale Prostitutionsmärkte aufgrund der geschlechtsspezifischen Ungleichheit in der ökonomischen Entwicklung. Der Einfluss ausländischer Geschäfte, ausländischer Geschäftsmänner und Touristen schafft neue Markt-Nachfrage nach Prostitution und bringt ausländische Devisen. Braut-Verkaufs-Organisationen aus Europa und den USA, die Frauen nach Katalog anbieten, richten riesige Geschäftsagenturen ein, da die Frauen sich entweder in ihren Ländern schon der Prostitution zuwenden oder aber eine Heirat im Ausland anstreben, um ihre ökonomische Situation zu verbessern.

Da aber die sozialistisch/kommunistischen Staaten die Prostitution nur unterdrückten, stellten sie nie die zugrunde liegende Ungleichheit der Geschlechter infrage, nämlich die generelle sexuelle Ausbeutung und Frauenverachtung, in der die Prostitution gründet. In der ehem. UdSSR, dem heutigen Russland, war eine massive Zunahme der Prostitution zu verzeichnen nach der Auflösung des sozialistischen Staates, als Russland sich voll der Marktwirtschaft öffnete. Die industrialisierte Prostitution und Pornographie drang vom Westen in die neu geöffneten Länder. Nicht nur schoss die Prostitution ins Kraut, sondern unversehens machten sich auch schon die Anzeichen ihrer Normalisierung als Begleiterscheinung der Sex-Industrie bemerkbar. Der Wechsel vom kommunisrtischen zum kapitalistischen Staat, der sich sowohl durch eine rapide Marktentwicklung als auch einen krassen Materialismus auszeichnet, droht die jungen Frauen auf der Strecke zu lassen. In einer Untersuchung von 1990, in der junge Frauen zu ihren persönlichen Zielen befragt werden, figurierte die Prostitution mit sieben unter den zehn meist genannten Angaben. Von der Geringschätzung der Frauen im kommunistischen Staat ist der Weg nicht weit bis zu ihrer kapitalistischen Ausbeutung und zur Eskalation der Prostitution, die den jungen Frauen zunehmend als eine „Alternative“ erscheint.

Offiziell ist die Prostitution verboten in den früheren sozialistischen Ländern. Aber auf einem „freien“ Markt hat das Prohibitionsgesetz eine kapitalistische Funktion übernommen. Polizeibeamte nehmen lieber Bestechungsgelder, als dass sie Inhaftierungen vornehmen, und sie begreifen sehr wohl, dass sie sich nicht in die Angelegenheiten des Marktes und seiner Nachfrage einzumischen haben. 1990 wurden in der ganzen Sowjetunion 5’849 Frauen wegen Prostitution verhaftet. Beim Wechsel vom kommunistischer Unterdrückung zu kapitalistischer permissiver Repression bedeutet Festnahme von Frauen wegen Prostitution eine offizielle Verurteilung der Prostitution, die aber kein Hindernis war für den Markt-Nachschub. Kunden wurden nicht festgenommen.

Kapitalistische Prohibition

Kapitalistische Staaten mit prohibitionistischen Systemen betrachten Prostitution als unmoralisch und behandeln sie als unerlaubten Sex. In den Verbotssystemen der kapitalistischen Wirtschaft werden Prosti tuierte, Zuhälter und Kunden kriminalisiert, aber die überwiegende Zahl der Festnahmen trifft die prostituierten Frauen. (…)

Ein unvermeidliches Ergebnis des prohibistionistische Systems, das Prostituierte als Kriminelle definiert, ist die Weigerung der Prostituierten, ihre Zuhälter der Polizei anzugeben. Das würde bedeuten, sich selber als Prostituierte zu bezeichnen, also als kriminell. Die gesetzliche Fessel der prostituierten Frauen verstärkt ihre emotionale und psychologische Abhängigkeit, wozu noch oft der physische Missbrauch erschwerend hinzukommt.

Das Strafrechtssystem, das Frauen als Kriminelle behandelt, schliesst sie aus dem Rechtssystem aus. Gewöhnlich bedeutet der Eintritt in die Welt der Prostitution für die Frauen Trenunng von Familie und früherem Freundeskreis. Von der Gesellschaft ausgeschlossen, sind prostituierte Frauen bis in die letzten paar Jahre auch ausgeschlossen gewesen von Dienstleistungen, die geschlagenen und vergewaltigten Frauen inzwischen zugänglich sind. Bis vor kurzem war es nicht möglich, auch nur die Unterstützung zu bekommen, die eine Schutz-Unterkunft ermöglicht hätte oder den Zugang zu Gesundheits-verorgung, Beratung und Ausbildung, die für den Ausstieg aus der Prostitution und den Beginn eines neuen Lebens erforderlich sind.

Erwachsene prostituierte Frauen- „Kriminelle“ nach dem Gesetz, „Sexualdienerinnen“ oder Arbeiterinnen, die mit „Sex zwischen einvernehmlichen Erwachsenen“ beschäftigt sind laut den „Liberalen“, sind gesellschaftlich und gesetzlich zur Wegwerfware degradiert ohne jeden Ausweg. Bei Kindern in der Prostitution ist es etwas anderes. In den USA gab es in den 70ern eine neue Gesetzgebung sowie Stiftungen, die Kinder vor der Sex-Industrie schützen sollten. Das Gesetz zum Schutz der Kinder vor sexueller Ausbeutung (PROTECTION OF CHILDREN AGAINST SEXUAL EXPLOITATION ACT) wurde 1977 verabschiedet, das Gesetz über die von zu Hause entlaufenen Jugendlichen 1974, und das Gesetz zur Verhütung von Kindesmissbrauch (CHILD ABUSE PREVENTION AND TREATMENT ACT ebenfalls 1974.

Die Kriminologin Rosemary Gido, die beim Projekt SAFE arbeitet, und Trudee Able-Peterson, Leiterin des Victim Services Agency Streetwork-Projekts in New York City, konnten diese Stiftung für kindliche Opfer der Prostitution und Pornographie nutzen, um damit Hilfsprogramme für Mädchen zum Ausstieg aus der Prostitution zu finanzieren. Das hat wiederum Folgen für die erwachsene Frauen, da die Kunden nach weiblichen Wesen von immer jüngerem Alter verlangen und von 12-, 13- und 14jährigen Mädchen erwarten, sich wie erwachsene Frauen zu verhalten. Es gab auch von Regierungsseite keine vergleichbare Unterstützung für erwachsene Frauen über 18 – was beweist, dass die Regierung sich weigert, Prostitution als sexuelle Ausbeutung von Frauen anzuerkennen. Die genannten Projekte waren aber grundlegend für den Schutz erwachsener Frauen in der Prostitution.

In den Vereinigten Staaten gehören WHISPER und der Council for Prostitution Alternatives zu den Projekten, die, aus einer feministischen Sicht, den Weg zur Entwicklung von Dienstleistungen für erwachsene prostituierte Frauen geebnet haben, – Einrichtungen, die ihnen den Ausstieg ermöglichen sollen. Mehr noch: Margaret Baldwin war die Architektin und treibende Kraft hinter einem kürzlich in Florida erlassenen Gesetz (4), das es einer Prostituierten ermöglicht, eine Person, von der sie gezwungen wurde, in die Prostitution einzusteigen oder darin zu verbleiben, auf Schadensersatz zu verklagen und strafrechtlich zu belangen. Mit „gezwungen“ ist hier gemeint: „jede Praxis der Machtausübung, Zwang oder Anwendung von Druck, in der Absicht oder mit der voraussehbaren Wirkung, eine andere Person dazu zu bringen, sich in die Prostitution zu begeben oder darin zu verbleiben oder die Einnahmen aus der Prostitution abzugeben.

Dieses Gesetz ist weitreichend in seinem Anwendungsbereich, denn seine Definition von „Zwang“ schliesst „Heiratsversprechen“ ein und „Ausbeutung der Zurichtung von Opfern des sexuellen Missbrauchs.“

II Regulierung

Regulierung bedeutet, dass die Prostitution legalisiert und mithilfe eines staatlich geregelten Bordellsystems gefördert wird. Ursprünglich aus der Absicht entstanden, dem Militär den Zugang zur Prostitution zu erleichtern, nahm das Regulierungssystem dann für sich in Anspruch, erstens die negativen Nebenwirkungen der Prostitution für die Männer, ihre Kunden, durch regelmässige (wöchentliche) Untersuchungen auf Geschlechtskrankheiten hin zu kontrollieren, wovon man sich deren Ausbreitung unter Kontrolle zu halten versprach, zweitens die Zahl der Vergewaltigungen zu verringern, indem man die Prostituierten verfügbar machte zum Kauf und drittens die Zuhälterei und das organisierte Verbrechen einzudämmen durch legalen Zugang zu den Bordellen, viertens die Prostitution fernzuhalten von den Leuten, die sich dadurch in ihrer Nachbarschaft belästigt fühlten.

Wie auch immer, bei diesen Vorgaben handelt es sich lediglich um idealisierte patriarchale Rationalisierungen, die die prostituierten Frauen von der Gruppe der Vergewaltigungs- und sonstigen Opfer ausnehmen. Wo die Sex-Industrie blüht und staatlich legitimiert ist, stehen 80 bis 90% der Frauen dort unter der Kontrolle von Zuhältern. Die Regulierung vermindert die Anzahl der Vergewaltigungen mitnichten und führt zur Zunahme der Prostitution, besonders in Bordellen und Eroszentren in vielen Ländern, wie in Südkorea, Deutschland, Beirut im Libanon, Tunesien, den Niederlanden und dem Staat Nevada in den USA.

Deutschland rühmte sich, mit seinem System ein Modell zur Regulierung der Prostitution vorweisen zu können. Die Prostitution in Deutschland kann nicht verbannt werden aus Städten mit einer Einwohnerzahl über 20 000; jeder Stadt bleibt es überlassen, sie in der Praxis auf ihre Weise selber zu regeln. Zuhälterei und Frauenhandel sind illegal, und die Prostituierten, die mindestens 18 Jahre alt sein müssen, haben sich regelmässig auf Geschlechtskrankheiten hin untersuchen lassen und Gesundheitsbescheinigungen bei sich zu tragen. Das Einkommen aus der Prostitution wird besteuert, aber es berechtigt nicht zu Arbeitslosenbezügen oder zur Sozialversicherung. (5) In den meisten Städten sind die Prostituierten auf einen bestimmten Sektor der Stadt beschränkt, wo sie sich auf der Strasse aufhalten, d.h. sichtbar sein dürfen, und zwar zwischen 8.00 morgens und 6.00 Uhr abends.

1976 waren laut Schätzungen der Hamburger Polizei die Hälfte der Prostituierten registriert. In jenem Jahr gab es 3 000 Prostituierte in Westberlin und 800 in München. (6)

Schätzungesweise 80 bis 95% der deutschen Prostituierten haben Zuhälter (7), und das organisierte Verbrechen nimmt zu, besonders im Handel mit Frauen aus den asiatischen Ländern. In den späten Siebzigern, konnten Frauen nach Angaben der „Arche“, einem Zufluchtzenter für Prostituierte in Hamburg, in die meisten der Eroszenter der Stadt nicht hineinkommen ohne Zuhälter. Aufgrund der Regulierung befinden sich die Eroszenter – riesige Prostitutionsgebäude – in eigens bezeichneten Sexgewerbezonen der Städte.

In einem Interview von 1991 erzählte uns Domenica Nienhoff, eine der führenden Frauen aus einer Prostituiertenbewegung, dass die Legalisierung, statt die männliche Kontrolle über Frauen zu beseitigen, 70% der Frauen unter der Aufsicht von Zuhältern zurückliess.

Domenica, auch genannt das „das Top-Rollen-Modell für die erfolgreiche, selbstbewusste Prostituierte“, warnt Frauen vor der Prostitution. Sie führte das Haus mit der grössten „Erfolgsquote“, das heisst das Haus mit den meisten Aussteigerinnen. Obwohl Domenica als Prostituierte selbst eine „Domina“ ist, weiss sie, dass sie nur macht, „was die Männer wollen. Sie bezahlen mich dafür. Das heisst ich erfülle ihre Wünsche. Die Männer sind tatsächlich die Herren der Situation.“ (8) Entgegen der herrschenden Vorstellung, die Frauen hätten die Kontrolle und die Macht in der Prostitutions-Situation, weisen Janus und Bess in ihrem Buch „Sexual profile of men in power“ nach, dass es immer der Kunde ist, der das Sagen hat. Ein Kunde aus der Oberschicht, ein Geschäftsmann oder Politiker, für den das ganze Leben eine Macht-Übung ist, wird schmerzhafte rituelle Handlungen von den Prostituierten verlangen, im Wissen, dass er, der hier dirigiert, Regie führt und zahlt, es ist, der das ganze Szenario bestimmt. Dieser perversen Logik zufolge befindet er sich gerade dann, wenn es am Allertrostlosesten um ihn bestellt scheint und er so gänzlich aller Macht entkleidet wirkt, im Vollbesitz seiner Befehlsgewalt.“ (9)

Im Gegensatz dazu sind Frauen in der Prostitution, wo Männer alles bestimmen, keine sexuell selbstbestimmten Wesen in dem ihnen verbleibenden eigenen Leben. Aus ihrem Privatleben ist die Sexualität oft verbannt. So erklärte Domenica gegenüber der Herausgeberin von Emma, dass sie privat kein Sexualleben habe. Sexualität hat die Bedeutung von menschlicher Erniedrigung, von Entmenschlichung angenommen. In ihrem Privatleben möchte sie aber als menschliches Wesen betrachtet werden.

Deutschland hat die Prostitution legalisiert, sanktioniert und normalisiert. Sobald die Prostitution aber reguliert ist, wird sie sozial normalisiert, als ein rechtmässiges Geschäft oder eine zumutbare Arbeit für Frauen akzeptiert, und sobald die Prostitution einmal sozial legitimiert worden ist durch gesetzliche Sanktionen, können Frauen auch in den Genuss von ein paar Hilfeleistungen zu ihrem Schutz gelangen. Ein Gerichtsurteil von 1991 erkannte die Arbeit einer Frau als Prostituierte als legitime Beschäftigungsart an und sprach ihr aufgrund dessen finanzielle Unterstützung zu (10 Die Taz) für den Fall des Rückzugs aus dem Geschäft. Mit andern Worten: nur wenn die sexuelle Ausbeutung reguliert ist und damit für die Nachfrage der Kunden sichergestellt, können die Frauen Entschädigungsleistung beanspruchen, um herauszukommen.

Die staatliche Regulierung hat das Zuhälter-Unwesen nicht beseitigt. Vielmehr bietet sie ihnen legale Deckung. Sie hat den Handel mit asiatischen Frauen erleichtert, besonders den von Thailand nach Deutschland und den Niederlanden. Das Frauenhandelssyndikat ist scheint’s teilweise übernommen worden von einigen Zulieferern, die mit der üppig wuchernden Sex-Industrie in Deutschland eine Connection bilden. Laut einem Bericht des „Spiegel“ von 1977 flog der grösste Frauenhändlerring, der je in Deutschland aufgedeckt wurde, auf, als elf Männer und eine Frau aus Argentinien und Uruguay verhaftet wurden, weil sie Frauen aus diesen Ländern anwarben und nach Frankfurt brachten, wo sie in der Strassenprostitution und im Eroszenter landeten.

Die Behörden schöpften Verdacht, als sie beobachteten, dass eine grosse Anzahl von Prostituierten im Raum Frankfurt nicht aus Deutschland stammte, sondern aus südamerikanischen Ländern. Nach der Festnahme von 50 Prostituierten anlässlich einer grossen Razzia drangen Informationen über die Gang ans Licht. Gemäss dem Bericht wurden soviele Frauen angeliefert von den Schleppern, dass es sie nicht einmal kümmerte, ob eine entkam oder weglief von der Bande, und sie sie laufen liessen, da sie über genügend Nachschub verfügten, um sie auf der Stelle zu ersetzen. Die aus Argentinien und Uruguay eingeschleppten Prostituierten arbeiteten für drei Monate mit Touristen-Visas und wurden dann nach Italien gebracht, wo sie an arbeitslose Männer oder Rentner verheiratet wurden, die 1000 Dollar für eine Heirat bekamen. Durch die Heirat in Italien bekamen die Frauen einen neuen Status als „Mitglieder“ im Europäischen Gemeinsamen Markt und wurden so in die Lage versetzt, nach Deutschland zurückzukehren zwecks Fortsetzung der Prostitution.

Mit dem Boom der Eroszenter in Deutschland in der Mitte der 60er begann der Einstieg der österreichische Zuhälter in die deutsche Szene, – so Wolfgang Hollreigel, ein Reporter aus Wien, der sich lange Zeit beträchtliche Zeit mit dem Studium der Prostitution in Österreich befasst hatte. Diese riesigen, staatlich sanktionierten Prostitutions-Hotels, wo Frauen (über ihre Zuhälter) Zimmer oder Appartments mieten, brachten einen neuen Boom im Business.

Der Wettbewerb zwischen den österreichischen und deutschen Zuhältern führte zu Rivalitäten zwischen den Gangs. Die Banden-Rivalität sowie ein späterer Rückgang bei den Profiten veranlasste die österreichischen Zuhälter zur Rückkehr nach Wien, wo die Prostitution gesetzlich geregelt ist, ähnlich wie in Deutschland. Laut Hollriegel gab es eine gut organisierte Zuhälterbande, die die Prostitution in Wien beherrschte. Sie zählte circa 75 Mitglieder und kontrollierte 600 Prostituierte, neben ihren anderen kriminellen Aktivitäten. Einige „Assistenten“ aus der Gang durchstreifen jede Nacht den Prater (die Reeperbahn von Wien), um ihr Geld von den Prostituierten abzukassieren, die hier für sie arbeiten. Die Frauen zahlen der Gang Schutzgelder, zum „Schutz“ vor der Gang.

1976 wurden zwei australische Frauen, die zu einem Lieferantenring gehörten, festgenommen, sechs andere Frauen aus Westdeutschland waren Zielscheiben einer landesweiten Menschenjagd. Der Fall kam an die Öffentlichkeit, als ein Mädchen aus einem Eroszenter in Essen fortlief und den Behörden erzählte, dass Frauenhändler sie von Villach in Österreich dorthin gebracht hätten und in die Prostitution gezwungen. Weitere Untersuchungen brachten an den Tag, dass viele junge Mädchen in der Gegend von Villach vermisst und einige von ihnen in Essen wieder aufgetaucht waren.

Als ich diesen Fall zwei Jahre später untersuchte, erklärten die Behörden, dass die anderen dort aufgefundenen Österreicherinnen Prostituierte mit abgelaufenen Pässen seien, die bei ihrer Festnahme der Polizei erklärten, dass auch sie mit Gewalt in die Prostitution gezwungen worden waren. Mit der Begründung, die Frauen würden lügen, liessen die Behörden das Thema der Gewaltanwendung vollständig fallen, obwohl der Polizei sehr wohl bekannt war, dass viele junge Frauen, wenn sie aufgegriffen werden, unter Terror stehen und Angst haben, gegen die Zuhälter und Schlepper auszusagen. Das Widerstreben der Prostituierten, vor Gericht als Zeuginnen aufzutreten, ist oft die billige Ausrede, Fälle nicht zu untersuchen, mit denen die Polizei sich ohnehin lieber nicht befassen möchte.

Die US-Version der Eros-Center findet sich in Nevada, das sich rühmt, die staatlich geregelte Prostitution zuzulassen ausser in Reno und Las Vegas. Sie sei „genauso wie ein Gefängnis“, beschrieb eine Prostituierte die Mustang-Ranch von Joe Conforte.

Die Sicherheitsvorkehrungen an diesem Ort sind dicht, die Eisentore und der Wachturm, die angeblich Störenfriede fernhalten sollen, sperren in Wirklichkeit die Frauen ein. In einer verlassenen Gegend gelegen ausserhalb von Reno, sieht die Mustang-Ranch aus wie ein Gefängnis im Stil der 40er Jahre und hat auch diese Ausstrahlung. In der kurzen Zeit, die ich mich dort aufhielt mit einer Kollegin von 1978, sahen wir uns den Hauptraum an mit einer grossen Bar, dekoriert in Rot und einigen riesigen Sofas. Etwa 50 Mädchen arbeiten dort zu jeder Tag- und Nachtzeit. Etwa zwanzig arbeiteten an dem Nachmittag, als wir ankamen, – 15 weisse Frauen, drei Schwarze, und zwei Asiatinnen, mit einigen wenigen männlichen Prostituierten darunter. Es war fast ganz still an dem Ort, Die Mädchen dürfen weder miteinander reden noch lesen. Sie sitzen einfach herum, bis die Türglocke läutet, die einen neuen Kunden ankündigt. Dann stellen sie sich in einer Reihe an der Vordertüre auf. Mit Strümpfen oder Bikinis bekleidet, stehen sie schweigend da, bis der Kundentyp einen aus der Reihe ausgesucht hat. Fünf Kerle kamen innerhalb der 15 Minuten herein, die wir dort bleiben konnten, denn die Besuchszeit war kurz bemessen worden für uns vom Management.

1978 musste eine Frau in Mustang – nach Angaben von einer, die wir interviewten und die nicht mehr dort arbeitet – mindestens drei Wochen dort arbeiten, ehe sie gehen konnte. Um dort bleiben zu können, musste sie im Sommer tausend Dollar in der Woche verdienen und 500 Dollar pro Woche im Winter. Ein Arbeitstag hatte 14-16 Stunden (…) Es war den Frauen nicht erlaubt, nach draussen zu gehen, ausser sie konnten sich an einen Kunden anhängen, der sie nach Reno mitnehmen wollte. Gelegentlich bekamen sie die Erlaubnis, für zwei Stunden einkaufen zu gehen.

Die Abgaben ans Haus betrugen 50%. Dennoch hatten sie noch zusätzliche Ausgaben von ca. 40% der Einnahmen, sie bezahlten 10% der Einnahmen für das Zimmer und Essen (aber nicht mehr als 10% am Tag), plus 1 Dollar pro Tag für das Zimmermädchen, einen Dollar für den Kassierer, einen für das Waschen von ein paar Hosen, und zwei für jedes Waschen eines Hausanzugs. Und dann sind da noch diese wöchentlichen Untersuchungen auf Geschlechtskrankheiten für jeweils 20 Dollar pro Untersuchung und zwei Dollar pro schriftliche Bescheinigung, plus die Kosten für das Ausfüllen der Bescheinigungen. Laut den Angaben der ehemaligen Angestellten dort war fast jede Art von Drogen im Umlauf.

Unter den Zuhältern von Oakland, San Francisco und Los Angeles war es üblich, im Fall ihrer Verhaftung ihre Frauen nach Mustang zu schicken zum Weiterarbeiten, bis sie selber wieder frei waren. Manche Leute sagen, dass die Prostituierten durch die Zuhälter dort hineinkommen. Trotz der gefängnisartigen Anlage und der langen Arbeitszeiten ziehen einige Mädchen ein Arrangement in Mustang der Strasse vor. In Mustang ist die Prostitution legal, unter Umständen gibt es dort einen minimalen Schutz vor Kundengewalt. Angeblich werden dort Kondome verlangt sowie die wöchentlichen VD/HIV-Überprüfungen. Die lokalen Behörden mischen sich nicht in das hauseigene private Sicherheitssystem von Mustang ein. Mustang scheint sich ausserhalb des Gesetzes zu befinden, es ist schlechthin unmöglich, herauszufinden, wie gross das Ausmass an Gewalt dort wirklich ist. 1990 betrugen die Profite von Joe Conforte aus Mustang zwei Millionen Dollar.

III Keine Regulierung

Die Pro-Prostitutions-Richtung

Die neusten neo-regulatorischen Gesetze und die Regierungspolitik bestätigen die Prostitution als ein Recht der Frau. 1990 erklärten die Niederlande diese ihre Position in Sachen Prostitution gegenüber den Vereinten Nationen (VN) wie folgt:

„Es folgt aus dem Recht der Selbstbestimmung, in dessen Genuss sich ein erwachsener Mann oder eine Frau befindet, die keinem ungesetzlicher Einfluss ausgesetzt sind, dass es ihm oder ihr freisteht (ACT AT LIBERTY), als Prostituierte tätig zu werden und einer anderen Person zu erlauben, von seinen oder ihren Einnahmen zu profitieren“. (12)

Die Niederlande unterschieden zwischen holländischen Frauen (sowie westlichen Frauen allgemein), von denen sie annehmen, dass es „ihnen freisteht, sich für die Prostitution zu entscheiden“, und den Dritte-Welt-Frauen, „die scheinbar aus freien Stücken nach Europa kommen, um als Prostituierte zu arbeiten, aber gewöhnlich unter dem Druck ökonomischer Motive stehen und urprünglich nicht freiwillig handeln.“ (13)

Die holländische Version zur Legitimierung der Prostitution verfängt sich in lauter Widersprüchen: sie redet von Selbstbestimmung in einem Zusammenhang, in dem das Selbst zerstört wird; sie beschränkt die Selbstbestimmung auf eine individuelle Wahl, wogegen Selbst-bestimmung, wie die internationalen Menschenrechte es umreissen, die Rechte der Menschen meint; und sie erkennt an, dass die Dritte-Welt-Immigrantinnen, die in die entwickelten Länder kommen, vor der Armut flüchten. Aber bei den niederländischen oder westlichen Frauen in der Prostitution lässt sie Armut als bestimmenden Faktor nicht gelten. Das Gesetz verdankt sich einer lautstarken, aber kleinen Pro-Prostitutions-Lobby. Es ignoriert das Schweigen der Frauen ohne Zuhause, Frauen in Armut, verlassener Frauen und alleinlebender Mütter, die die Prostitution aufgeben würden, hätten sie nur eine ökonomische Alternative.

Europäische Prostitutions-Gruppen befürworten die Prostitution, sind aber gegen den Frauenhandel. Mit der Unterscheidung zwischen „freiwilliger“ und „erzwungener“ Prostitution verraten sie ihre ökonomischen Interessen: Immigrantinnen aus der Dritten Welt und osteuropäische in den Niederlanden und Deutschland und anderen Ländern mit regulatorischen Gesetzen drücken den Prostitutions-Marktwert der einheimischen niederländischen und deutschen Frauen nach unten. Deutsche Prostituierte beklagen sich, dass es zuviele Drogenabhängige gebe, Frauen aus Asien und „billigere“ Frauen aus Osteuropa, die den „Markt verderben.“ (14)

Der Preis der prostituierten Immigrantinnen ist so niedrig, dass die Preise der einheimischen Frauen fallen und der Anteil der Zuhälter und der Bordelle geschmälert wird. die Selbstbestimmungs-Rhetorik der Neo-Regulierer trifft sich hier genau mit dem Bedarf der Sex-Industrie nach Preis-Überwachung via Kontrolle der Immigration, – mit dem Ergebnis einer Bewegung „gegen den Frauenhandel“, welche die einheimische Prostitution fördert auf der Basis einer abwegigen Unterscheidung zwischen „freier“ und „erzwungener“ Prostitution, um die Marktpreise aufrechtzuhalten. Gleichwohl haben viele Prostituierte und Prostitutions-Organisationen in den Niederlanden, zusammen mit internationalen Menschenrechts- und feministischen Organisationen gegen die neue Gesetzgebung protestiert und machen geltend, dass die Prostituierten damit zu Staatsangestellten werden. Aufgrund der Proteste hat das OBERHAUS des niederländischen Parlamentes diese Positionen noch einmal zur Diskussion gestellt.

Die Normalisierung der Prostitution in den europäischen Ländern mit Regulierungssystemen hat den Frauenhandel nach den Niederlanden in Tat und Wahrheit verstärkt. Die Neo-Regulierung lockert die polizeiliche Überwachung und macht es den Frauenhändlern leicht, sich frei über die Landesgrenzen zu bewegen. Der Frauenhandel von den Philippinen, Latein-Amerika und Ost-Europa ist in den Niederlanden expandiert, so wie es einige Jahrzehnte früher in Deutschland der Fall war, als dort die Prostitution legalisiert wurde. Nun bringt mit der Förderung des Tourismus in Thailand auch der Prostitutionstourismus fremde Währung herein, und die Regulierung der Arbeit der „Gastarbeiterinnen“ (Hospitality workers) egt den Handel mit Frauen und Mädchen aus China, Vietnam und Burma an.

In einer kürzlich erstellten Studie über die Schaufenster-Prostitution in Utrecht fand Willem Pompe heraus, dass ein grosser Teil der Prostitution in den Niederlanden von kriminellen Mafia-„Familien“ kontrolliert wird. Die Aversion gegen die Prostitution als „Lärmfaktor“ in der Nachbarschaft führte zur Entstehung der „Aus den Augen – aus dem Sinn“-Zonen für den Strassenstrich sowie zu einer Kette von 40 Hausboot-Bordellen auf dem Fluss Vecht. In den Hausbooten, wie auch in den Schaufenster-Bordellen in Amsterdam bekommen die Frauen 20 Dollar pro Kunde, müssen aber ihre Schlafkammern für 8 bis 40 Dollar per acht-Stunden-Tag mieten. Diese Kammern sind neun mal neun Fuss grosse stallähnliche Kästen mit Fenstern, in denen die Frauen unter rotem Licht sitzen und nur einen Vorhang vorziehen, wenn sie einen Kunden haben.

Pompe berichtet, dass über die Hälfte der 150 Prostituierten Immigrantinnen aus Süd-Amerika und aus der Karibik sind. Viele von ihnen sind illegale Fremde, viele sind unter 18, viele arbeiten für Zuhälter. In seiner Untersuchung bemerkt Pompe, dass die Polizei, im Bestreben, gute Beziehungen zu den Bordellen zu unterhalten, „eher eine Politik der gelegentlichen Behinderung als eine der aggressiven Überwachung und Kontrolle verfolgt“. Zudem ist der grösste Bordell-Unternehmer, dem 60 % der Hausboote gehören und der mit Drogen handelt, der Chef einer „offenkundig kriminellen Organisation, die man in den Vereinigten Staaten als eine (Mafia)Familie bezeichnet“. (15) Mit anderen Worten, die Regulierung stärkt die Kontrollmacht und Rolle des organisierten Verbrechens in der Prostitution. Die Niederlande schätzen das Geschäft mit der Prostitution auf 830 Millionen Dollar pro Jahr (16).

IV Die Abschaffung – Abolition

Die Abolitionsbewegung gegen die staatliche Regulierung der Prostitution, angeführt von Josefine Butler im 19. Jahrhundert, kämpfte für „die Abschaffung der Regulierung der Prostitution, nicht wie der Name anzunehmen verleiten könnte, für die Abschaffung der Prostitution selbst.“ (17) Als Gegenposition zur Regulierung bedeutet die Abschaffung oder Tolerierung die Entkriminalisierung der Prostitution für beide Seiten – die Prostituierte und den Kunden. Die rechtlichen Vorschläge der Abschaffungsbefürworter (Abolitionisten) verbieten die Zuhälterei, den Frauenverkauf durch Dritte sowie den Frauenhandel und stellen das Eingreifen von Dritt-Parteien in Bordellen und Prostitutions-Hotels unter Strafe.

Die Abschaffungsbewegung lieferte die Grundlage für die Konvention der Vereinten Nationen von 1949 zur Unterdrückung des Handels mit Personen und der Ausbeutung der Prostitution anderer (U.N. CONVENTION FOR THE SUPPRESSION OF THE TRAFFIC IN PERSONS AND THE EXPLOITATION OF THE PROSTITUTION OF OTHERS), die statuierte, „dass Prostitution und das Begleitübel des Handels mit Personen zum Zwecke der Prostitution unvereinbar sind mit der Würde und dem Wert der menschlichen Person und die Wohlfahrt des Individuums, der Familie und des Staates gefährden“. Die UN-Konvention LEGT RECHTLICHE SANKTIONEN FEST gegen Zuhälterei, Bordelle und Frauenhandel.

Nach Auffassung der AbolitionistInnen, insbesondere der „International Abolitionist Federation“ sollten die Gesetze, die die Prostitution verbieten oder regulieren, abgeschafft werden – wohingegen die Gesetze gegen Zuhälterei und Frauenverkauf verschärft werden sollten. Die AbolitionistInnen drängen auf rigorose Bestrafung der Zuhälter, weil sie es sind, die die Frauen in die Prostitution zwingen oder verhindern, dass sie entkommen können. Nach ihrer Auffassung ist jedes Prostitutionsverhältnis, dass unter Zwang oder Druck zustandekam, eine Verletzung der Menschenrechte. Sie lehnen die staatliche Intervention zum Zweck der Prostitutionsregelung ab, weil nach ihrer Meinung der Hauptnutziesser der Legalisierung der männliche Kunde ist und nicht die Prostituierte. Es sei, wie sie demgegenüber betonen, nicht die Aufgabe des Staates, hier als Regulierungsfaktor zu wirken und damit der Legitimierung der Prostitution selbst Vorschub zu leisten. Wenn der Staat die Prostitution reguliert oder „legalisiert“, dann tut er das aus einer Haltung der geflissentlichen Ignoranz gegenüber dem Frauenhandel, weil er die Prostitution sanktioniert als eine legitime Form der Arbeit, als eine anerkannte soziale Institution, und es kümmert ihn folglich nicht, ob die Frauen von Frauenhändlern verkauft werden oder nicht, ob sie gezwungen worden sind oder nicht. Es geht also bei der abolitionistischen Position darum, Gesetzesformulierungen zu verhindern, die die Prostitution noch legitimieren.

Frankreich ist eines der Länder, die die UN-Konvention von 1949 unterzeichnet haben. Als 1991 ein Minister der Französischen Regierung einen Plan zur staatlichen Regulierung der Prostitution vorlegte, führte Denise Pouillon-Falco von der Union Contre le Traffic des Etres Humains einen erfolgreichen Feldzug gegen diesen Plan, und zwar aufgrund seiner Unvereinbarkeit mit dem französischen Recht und der Konvention von 1949.

1980 geriet Grenoble ins Blickfeld der öffentlichen Aufmerksamkeit, als dort ein Fall verhandelt wurde, in dem vier junge Frauen, die schwer gefoltert worden waren von Zuhältern und Kunden, gegen ihre Fänger in einer öffentlichen Gerichtsverhandlung aussagten. Ihre Courage und die Entschlossenheit eines energischen Distrikt-Anwalts sowie ein erzürnter Richter liessen die Gang von 17 Zuhältern auffliegen. Es wurden Höchststrafen für die Täter ausgesprochen, soweit sie sich noch nicht bereits nach Italien abgesetzt hatten, und den Frauen wurden hohe Schadensersatzsummen zugesprochen. Das Gericht zogen die Entschädigungsgelder ein für die Frauen, die das niemals selber hätten durchsetzen können, – sie fürchteten um ihr Leben und verliessen das Land. 1978 war laut dem französischen Innenministerium Zuhälterei und Frauenverkauf, proxénètisme genannt, der drittgrösste Wirtschaftszweig in Frankreich mit einer jährlichen Profitrate von umgerechnet sieben Billionen Dollar. (18) Dennoch wird die Zuhälterei und der Frauenverkauf härter verfolgt in Frankreich. In einem Jahr wurden 1451 Fälle vor Gericht verhandelt. (19)

Inhaber von Prostitutions-Hotels oder „Absteigen“ (HOTELS DE PASSE) sind „proxénètes“. Um nicht angezeigt zu werden wegen Führen eines geschlossenen Bordells, vermieten sie oft noch Zimmer an Immigranten oder Touristen. Der Rest der Zimmer wird tage- oder wochenweise an Prostituierte vermietet. Sie müssen zehn bis zwanzig Kunden täglich haben, um gerade mal ein Zimmer mieten zu können. Die meisten Eigentümer wollen nicht an Frauen ohne Zuhälter vermieten, weil sie wissen, dass es der Zuhälter ist, der dafür sorgt, dass die Frauen ihre Quoten erreichen. (20)

Es gab schon Vorwürfe, dass die Protektion der Polizei und die sog. Kickbacks die Anwendung der Gesetze gegen die Zuhälterei behindere. Eine energische Durchsetzung wird immer wieder unterlaufen durch den Einsatz von Personen aus dem Milieu als Polizei-Informanten, – eine Praxis, die zur Kumpanei von Hotel-Inhabern, Zuhältern und Polizei führt. Das Gesetz, das vom gewöhnlichen Verhalten ausgeht, definiert als Zuhälter jeden, der eine Prostituierte in ihrer Tätigkeit unterstützt, Geld von ihr nimmt oder mit ihr zuammenlebt.

Obwohl es keine Gesetze gibt, die den Akt der Prostitution selbst verbieten, hat jedes Land, auch wenn es für Toleranz eintritt, doch noch andere Gesetze auf Lager, die sich zur Kontrolle und/oder zur Behelligung der Frauen in der Strassenprostitution eignen. In Frankreich zum Beispiel gibt es da die Gesetze gegen das Herumlungern und Belästungen auf der Strasse, die man gegen Prostituierte anwendet, die mit fetten Bussen zu rechen haben, wenn sie wegen dieser Vergehen zitiert werden.

1975 besetzten Prostituierte eine Kirche in Lyon und begannen einen Streik, der auf alle grösseren Städte in Frankreich übergriff. Auslöser war eine Erhöhung der Bussen (auf durchschnittlich 45 Dollar) für die Prostituierten in Lyon. Viele Frauen in der Strassenprostitution bekamen jede Nacht mehrere davon und behaupteten, die Polizei kassiere das Geld für die eigene Tasche. Französischen Prostituierte wiesen Vorschläge zurück, das deutsche System der Prostitution zu übernehmen und Eroszenter in Frankreich zu errichten. „Wir werden uns niemals zu staatlichen Sex-Angestellten machen lassen“, sagte Ulla, eine Organisatorin. Sie entlarvten damit das System, das sie in den Dienst des Staates zwingen wollte, der damit als Oberzuhälter fungierte. Wie sich später herausstellte, hatten nicht alle der am Streik beteiligten Frauen einen Zuhälter, hingegen arbeitete eine der Organisatorinnen für einen Grosszuhälter, der die Frauen zu dem Streik ermunterte, um auf diesem Wege gegen die Beschneidung seines Einkommens durch die hohen Bussen zu protestieren.

Der abolitionstische Standpunkt befasst sich nicht mit der Prostitution selber, solange die Frauen nicht dazu gezwungen werden. 1979 nahm ich in meinem Buch „Female sexual Slavery“ (dt. 1983: die sexuelle Verklavung von Frauen) eine abolitionistische Position ein, indem ich den Blick auf die individuellen Frauen in der Prostitution richtete. Ich trat damals für eine Politik ein, die weder einzelnen Personen noch dem Staat erlauben sollte, sich in die Verhältnisse der Prostitutierten einzumischen, solange eine Frau in der Lage wäre, aus freien Stücken die Prostitution aufzugeben – jederzeit, wann immer sie wolle. 1983 argumentierte ich noch, dass die abolitionstische Position annehmbar sei für die einzelnen Individuen, dass es aber ein feministisches Erfordernis sei, bei der Aufdeckung der patriarchalen Machtverhältnisse zwischen dem Individuum und der Institution zu unterscheiden, unter deren Kontrolle es sich befindet. Wir müssten die Institution der Prostitution als ein Produkt männlicher Herrschaft, sexueller Gewalt und Versklavung untersuchen“ (21).

Freilich, Individuen sind nicht von den Institutionen zu trennen. Wichtiger aber: diese Position hält die falsche Unterscheidung zwischen „freiwilliger“ und „erzwungener“ Prostitution noch aufrecht, die so tut, als sei die Prostitution als solche nicht schädlich für Frauen und daher keine Form der sexuellen Ausbeutung.

Mitte der 80er Jahre habe ich meine Position in Sachen Prostitutionsgesetzgebung neu formuliert, da er mir klar geworden war, dass die Entkriminalisierung nötig und angemessen ist, aber nur für die Prostituierten, nicht für die Kunden. An einem UNESCO-Treffen 1986 zu Ursachen und Auswirkungen der Prostitution, das von Wassyla Tamzali einberufen worden war, schlug ich in einem gemeinsam vorbereiteten Statement, das auch von der Gruppe angenommen wurde, die Bestrafung der Kunden vor. Der Vorschlag zuhanden der staatlichen Gesetzgebung empfahl: dass die Prostituierte nicht mehr zu bestrafen sei (in den Vereinigten Staaten, wo sie immer noch bestraft wird), dass dagegen der Kunde sich strafbar mache; dass man dabei nicht vergessen solle, die Gesetze, die den Frauenverkauf in allen Formen verbieten, auch anzuwenden mitsamt ihren Zusätzen. 22 ACCOMPLICES

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