Marcolli und das Unwesen der Geschichte

Posted on Januar 11, 2013

0


Ein Schweizer Schiedsrichter im deutschen Antisemitismusstreit

„Zwei Provokateure, ein Streit und kein Gewinner“ – unter diesem Titel waltet Patrick Marcolli als Schweizer Schiedsrichter zum deutschen Antisemitismusstreit in der BaZ.

Es geht um die Kontroverse zu Jakob Augstein, der vom Simon-Wiesentahl-Center als Antisemit auf Platz neun  gesetzt wurde, und den Marcolli allenfalls als „antizionistischen Linkspopulisten“ gelten lassen will, nicht als Antisemiten. Marcolli gehört zum linken deutschen Anti-Israel-Spektrum, auch  genannt „Antizionismus“, womit die obsessive Kritik am Judenstaat nicht mit Antisemitismus zu tun haben soll. Nach dem Motto: Wir haben nichts gegen Juden, nur gegen ihren Staat. Das alles wurde vielfach analysiert und kommentiert, von Leon de Winter, von Alain Finkelkraut http://derstandard.at/1922434, von wenigen Kritikern des islamischen Antijudaismus und Antisemitismus in Deutschland, wie Henryk M. Broder.

Dass die linke Dauerkritik an Israel sich in den Antiisrael-Resolutionen der Gangsterstaaten des Menschenrechts-UN-Rats wiederspiegelt, wo die OIC-Länder die Diskussion dominieren bzw. blockieren, entspricht der linken Islamverbrüderung. An Anti-Israel-Demos in Deutschland   wie in der Schweiz marschieren Linkspopulisten, Altstalinisten zusammen mit Hamas-Aktivisten und grölen antisemitische Parolen. Das heisst: der islamische eliminatorische Antijudaismus, der das Existenzrecht Israels bestreitet und zur Vernichtung des Judenstaats aufruft, soll kein Antisemitismus sein, nur gegen den jüdischen „Terrorstaat“ gerichtet. So und ähnlich hören sich die Hamas-konformen linken Argumente an, mit denen der „Linkspopulismus“ seinen  „Antizionismus“ rechtfertigt, der nichts mit Antisemitismus zu tun haben soll – so wie das islamische Recht nichts mit dem Islam zu tun hat.

Das steht für Schiedsrichter Marcolli von vornherein fest, der hier den Anstandswauwau gegen die „Entgleisungen“ von Broder spielt. Marcolli weiss nämlich, dass man die Anti-Israel-Kampagnen deutscher Links-medien nicht mit antijüdischen Einstellungen in Verbindung bringen darf, denn Linke sind lupenreine Anti-Rassisten.  So wie linke Krawallbrüder und autonome Gewalttäter sich auch Antifaschisten nennen können, wenn sie mit SA-Methoden demokratische Kundgebungen sabotieren, als handele es sich beim politischen Gegner (Islamkritiker!) automatisch um Rechtsradikale.

Es handelt sich bei den antiisraelischen Ausfällen der Linken, die in Augsteins Ausdrucksweise bestens vertreten sind, wenn er Israels Politik mit der der Nazis in Verbindung bringt (Gaza als Lager u. drgl.), aber nach Ansicht Augsteins nicht um „Entgleisungen“, sondern lediglich um Linkspopulismus. Der Extremismus der Hamas ist in diesem Populismus eingeschlossen. Das Hamas-Programm für Israel ist keine „Entgleisung“, sondern legitimer Widerstand, im Kampf gegen einen Staat, dessen Existenzrecht auch im roten Salon bezweifelt werden darf. Israel als „Unrechtsstaat“ oder israelische Premiers als „Massenmörder“ – solchen Urteilen kann man auch in der Schweiz bei junglinken Soziologen begegnen. Aber Antisemitismus? Bewahre, damit haben sie nichts zu tun.

Broder hat diese im ganzen linken Lager verbreiteten Ansichten, die sich bei Augstein  nur  verdichten, polemisch beantwortet, wofür Marcolli ihn rüffelt wie ein Tugendwächter, der weiss, dass ein Polemiker sich nicht polemisch, sondern wie ein BaZ-Anstandswauwau zu äussern hat. Broder nennt einen Antisemiten einen Antisemiten: 

  • „Augstein ist kein Salon–Antisemit, er ist ein lupenreiner Antisemit, eine antisemitische Dreckschleuder, ein Überzeugungstäter, der nur dank der Gnade der späten Geburt um die Gelegenheit gekommen ist, im Reichssicherheitshauptamt Karriere zu machen. Das Zeug dazu hätte er.“

Das lässt Marcolli nicht auf Augstein sitzen: 

  •  „Wer so argumentiert, ist nicht nur polemisch und ehrverletzend…“

Strafklage gegen Polemiker? Da könnten sich auch Satiriker angesprochen fühlen, Polemik fällt schon unter die Anstandstabus eines Blatts, das einen Ziegler als grossen Denker preist, der allerdings die Schweizer Wirtschaft als kannibalistisch bezeichnet –   das ist nicht „zu polemisch“?)  

  • “…der hat auch nichts vom Wesen der Geschichte begriffen. Darüber zu spekulieren, wer in einer anderen Zeit wie gehandelt hätte, ist so unsinnig und dumm wie der Blick eines Historikers in die Kristallkugel..“

Nun, das Wesen der Geschichte ist nicht so leicht verständlich, dass Marcolli sagen könnte, wie es zu verstehen ist. Man darf aber mit diesem Unwesen offenbar nicht „ehrverletzend“ und polemisch umgehen. An was erinnert mich das? An die islamischen Vorschriften zum Umgang mit der Kriegsgeschichte des Islam? Denn der Umgang mit dem nicht endenden Polemos der Geschichte verlangt grössten Respekt. Aber Broder spricht hier gar nicht als Historiker, sondern als kritischer Zeitbetrachter, der die Zeitgenossen auch vor dem Hintergrund ihrer Zeitgeschichte betrachtet. Darf man sich nicht fragen, was sie gemacht hätten, wenn…. Gibt es ihn nicht, den gewissermassen zeitlosen Typ des Antisemiten? Oder des Denunzianten, oder des Opportunisten, der immer mit dem Zeitgeist schwimmt? Und der ist heute nun mal links und anti“zionistisch“, anti Israel, ach kurz antisemitisch in neuer Verkleidung.

Es gibt kein Pendant bei den Linken in der Verurteilung des Rassismus  der „Palästinenser“, die es auf ein judenreines Arabien abgesehen haben. Die exklusive Kritik an Israel hat durchaus antisemitische Aufladung. Drum ist sie auch so kompatibel mit dem authentischen islamischen Judenhass, der sich vom eliminatorischen Antisemitismus nicht mehr unterscheidet. Oder warum können Juden nicht mehr an deutschen Schulen mit hohem Moslemanteil sich ungefährdet bewegen, warum werden sie in Dänemark mit Billigung linker Politiker von Moslems terrorisiert, warum ist der islamische Antijudaismus in Norwegen von Linken geduldet? Weil das alles nichts mit Antisemitismus zu tun hat?

Juden tun sehr wohl gut daran, sich zu fragen, wer wohl damals und wer wohl heute noch bzw.  wieder wie damals. Denn die Dinge kehren mit verdammter Ähnlichkeit wieder.  Marcolli hat ein arg schlichtes  Verständnis vom Wesen der Geschichte, in der sich nichts wiederholt.

Wie beruhigend, da brauchen Juden ja nichts zu befürchten, es ist  ein für allemal vorbei. Wer da gewisse schon dagewesene Dinge wiedererkennt,  ist ehrverletzend und polemisch, man muss das ganze Unwesen nur sachlich betrachten, Gewitzel über das laufende Gemetzel ist nicht erlaubt, das Geschichtswesen verdient Respekt und Ehrfurcht, verstanden?!

Wir wollen jetzt nicht weiter spekulieren, was die grosse geschichtliche Dreckschleuder bewegt, die soviel Schutt hinterlässt, wie Marcolli gar nicht ahnt, der es gerne hübsch aufgeräumt hätte, keine Polemik bitte, wenn es um solche salonfähigen Themen wie das Existenzrecht  Israels geht.

Kürzlich hörte ich im DLF ein Interview mit Ruprecht Polenz, dem Vorsitzenden des Außenpolitischen Ausschusses des Bundestages, zur israelischen Siedlungspolitik und zu Netanyahu. Dieser Polenz, gefragt, wie die deutsche Regierung denn mit Israel und mit Netanyahu „umgehe“ ( so als ginge es bei der Existenz Israels um etwas leider Unumgängliches) und wie sie zu Netanyahu stehe, wörtlich: 

  • “Wir gehen mit ihm um.“ 

Womit? Mit der Katastrophe? Mit einem Monstrum? Wir gehen mit einem um, mit dem der Umgang eigentlich untersagt ist? Mit dem niemand „umgehen“ sollte. Er wagte nicht mal zu sagen: „Wir gehen auf ihn oder es zu“, was unter derlei Idiotismen auf  Platz drei gehörte.  Nicht mal das, nein, wir gehen mit ihm um. Ja wie springen „wir“ denn mit ihm um, um die Frage des Existenzrechts umgehen zu können? Es ist umwerfend, was zur Zeit so alles umgeht.

Und nun Marcolli, der den historischen Überblick hat und weiss, was man nicht vergleichen darf. Dann muss auch er sich niemals fragen, was er täte, wenn … zum Beispiel neue Alt-Antisemiten auftauchen und Juden von Berliner Schulen verscheuchen.

Nachdem Marcolli klargestellt hat, was das Wesen der Geschichte ist, mit dem sich nichts vergleichen lässt, geht er dann doch zu einem Vergleich um nicht zu sagen zu einer Gleichsetzung über: nämlich von Augstein mit Broder, die er beide als Agents Provocateurs darstellt:

  • „Auch er gefällt sich in der Rolle des (linken) Agent Provocateur und nimmt in seinen Betrachtungen kein Blatt vor dem Mund.“

Dass Augstein, der den Antisemitismus im  linken Salon noch salonfähiger macht, als er schon ist , als Agent Provocateur agiere und nicht als echter Antisemit, der meint, was er schreibt, ist eine Unterstellung von Marcolli, der nichts begriffen hat vom Wesen des linken Anti-Zionismus, welcher sich  sich dem Namen nach, aber nicht in seinen Auswirkungen vom üblichen Antisemitismus unterscheidet.

Ob sich Juden in Europa vor Antisemiten oder Antizionisten in Sicherheit bringen müssen, nicht nur in Toulouse, ist weniger wesentlich für die von den zeitlosen Dreckschleudern bedrohten. Dass Augstein „kein Blatt vor den Mund nimmt“, ist für Marcolli aber keine Ehrverletzung. Wenn er Augstein aus seiner Linksblattkolumne zitiert, wo er jüdische Fundamentalisten mit ihren islamistischen Gegnern gleichsetzt („aus gleichem Holz geschnitzt“), vergisst er geschickt, dass selbst die jüdischen Fundamentalisten keine Weltjudenherrschaft anstreben wie der Islam, kleiner Unterschied zwischen einer verfolgten und einer verfolgenden, einer Erobererreligion, die die Tötung von Juden im Programm führt.

Immerhin findet er dann doch seine eigene Bemerkung unangebracht angesichts dessen, was er den „islamischen Missionierungsterror“ nennt. Da ist man schon froh, dass einer den Unterschied zwischen Terroristen und Terrorisierten kennt. Dass Augstein Israelis mit Nazis vergleicht, die aus Gaza ein Lager gemacht hätten, findet er dann doch „unsensibel“ und eine „primitive Provokation“, so als sei das nicht Augsteins Ernst, sondern nur als Provokation an die Adresse derer gemeint, die wie Broder „gleich reflexartig Antisemitismus schreien“. Wer Antisemitismus sagt, reagiert reflexartig, wer aber die israelische Politik mit der der Nazis vergleicht, meint das nicht wirklich so, er will nur die Schreier provozieren, alles klar. Denn der erste hat letzteren in Wirklichkeit provoziert, es gibt keinen linken Antisemiten, er tut nur so, um diejenigen zu ärgern, die sagen, es gäbe sie. Ohne Broder keine Antisemiten in Deutschland. 

Marcolli ist nicht nur ein Versteher des Wesens der Geschichte, er weiss auch worum es jetzt geht:

  •  „Der berechtigten Kritik an Elementen der israelischen Politik, zum Beispiel dem weiteren Ausbau der jüdischen Siedlungen, erweist Augstein damit einen Bärendienst.“ 

Es geht also um die „berechtigte Kritik“ an „Elementen“ der palästinensischen, pardon, der israelischen Politik. Und um die Berechtigung der Dauerkritik an den Fundamenten des israelischen Existenzrechts nicht zu gefährden, wird Augstein hier ein wenig getadelt, weil er für die BaZ etwas unklug vorgeht, denn es gilt ja die Dauerkritik an Israel nicht in Misskredit zu bringen. Dann die Frage, die jedem Klassenaufsatz ansteht: 

  • „Doch ist er deshalb ein Antisemit“

Wir dürfen raten, wie die Antwort lautet. Natürlich kein Antisemit, denn einer, dem es um die Elementarkritik an Israel geht, kann nur ein ehrenwerter Kritiker sein, kein ehrverletzender Polemiker, der nichts von der jüdischen Geschichte versteht.  Allenfalls ein „Linkspopulist“.

Womit Maercolli nolens volens zugibt, dass er ganz gut weiss, wie verbreitet die Ansichten von Augstein im linken Lager sind, das viel gegen Israel, aber nichts gegen die Elemente der Palästinenserpolitik hat. Und ein Element wie die Charta der Hamas steht gar nicht erst zur Diskussion in diesem Elementar-Geschichtskurs. Auch Salomon Korn habe gesagt, Augstein sei kein Antisemit. Na, dann muss es ja wohl stimmen, Und das Wesenthal-Center muss sich geirrt haben, meint Marcolli, denn Korn sagt, es habe sich „nur auf das verlassen,  was der Publizist Broder ihm gesagt habe, ohne sich Gedanken z machen, ob das zutrifft.“ Also so ein gedankenloses Institut soll das Wiesenthal-Center sein, mit lauter Analphabeten, die nicht lesen können, was Broder zitiert hat? Einer der guten jüdischen Witze. Dann noch ein besserer:

  • „Die Verantwortlichen des Wiesenthal- Centers haben sich inzwischen teilweise distanziert, beziehungsweise die unrühmliche „Chart-Platzierung“ von Jakob Augstein relativiert. “Wir sprechen nicht von der Person, sondern von den Zitaten“, sagte der stellvertretende Leiter des Zentrums, Rabbiner Abraham Cooper, gegenüber dem „Spiegel“. Augstein solle sich aber entschuldigen.“

Das ist doch ein Meisterstück. Also doch „Zitate“, aufgrund deren das Center sich so seine Gedanken machen konnte, nicht die blosse Behauptung des Publizisten Broder, völlig aus der Luft gegriffen, da gebe es einen Antisemiten in Deutschland, den sie auf Platz neun setzen sollten.  Aber nun noch  der Clou: Die Zitate haben nichts mit der Person zu tun, von der sie sind.

Das erinnert mich an die Debatte um die Vergewaltigungen in den bosnischen Lagern, wozu eine linke Frauengruppe sich ausgedacht hatte, die Täter benutzen die Vergewaltigung als Waffe – also die Taten haben nichts mit den Tätern zu tun, die die Waffe nach  Gebrauch, nach getaner Tat wohl wieder weglegen können, so soll das wohl auch mit den Zitaten sein, die nichts mit der Person zu tun haben. Nur mit Broder? Oder doch mit der Zitatenquelle? Denn die soll sich doch nun entschuldigen, also irgendwas mit dem Antisemitismus Platz 9 zu tun haben und nicht nur ein Erfindung von Broder sein, um die lupenrein antisemtismusfreie deutsche Presse zu provozieren?

Marcolli aber hat schon eine Entschuldigung anstelle von Augstein für denselben bereit: der habe nur „krude Kolumnen“ geschrieben. Krude ist immer gut, wenn man sich von etwas distanzieren möchte, das man doch nicht zu sehr diskriminieren will. Und einen blossen Linkspopulisten ohne antisemitische Absichten zu diskriminieren, ginge zu weit für die BaZ. Da weiss man zu differenzieren: Augsteins Äusserung zu den jüdischen Lagern (KZs) sind nur krude, also ein bisschen überzogen, nicht bös gemeint, nicht so die von Broder! Das sind, ich zitiere Marcolli: „ungeheuerliche Entgleisungen“.

Jetzt fehlt noch eine Anfrage an Polenz oder die deutsche Justiz von der BaZ: Wie gehen Sie damit um? Mit diesen Ungeheuerlichkeiten, die nach den Kruditäten der deutschen Geschichte, von denen so ein polemisches Ungeheuer wie Broder, der einen Schweizer Schiedsrichter ganz aus dem Gleis bringt, nichts begriffen hat? Das muss umgehend reflexartig behoben werden, damit das Wesen der Geschichte nicht falsch verstanden wird!

Denn dieses Wesen ist in der Schweizer Version immer ausgeglichen. Marcolli teilt nach seiner Bewertung des Streits das Ergebnis mit, das er vorgesehen hat, wie folgt: 

  •  „Im Disput zwischen zwei Berufsprovokateuren gibt es keine Sieger …“

Wie anders beim Wesen der Geschichte – da gibt es immer wieder Verlierer. Auch solche, die völlig von der Bildfläche verschwinden.

  • … und inhaltlich bleibt eine solche Diskussion an der Oberfläche.

Mitnichten, sie eröffnet einen Blick in die Abgründe des Antisemitismus, der sich an der  Oberfläche als „nur Antizionismus“ angestrichen hat, Anstreichers neue Farben.  (Aber das habe ich nur als „Provokation“ gemeint, nicht als ungeheuerlich Entgleisung…)

Regine van Cleev 

___________________________________________________________

Sehr gut hingegen finde ich den Artikel von Julian Schütt in der Baz v.11.1.13:

Antisemit Augstein

____________________________________________________________

 Aus dem Artikel von Marcolli zu Augstein und Broder:

Marcolli

Advertisements