Koranarabisch macht dumm

Posted on September 18, 2010

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Arabische Sprachunterdrückung verhindert die intellektuelle Weiterentwicklung

Von Sami Alrabaa

Wir Araber leiden nicht nur an einem Mangel an politischer und religiöser Freiheit und ökonomischer Rückständigkeit, sondern wir leiden auch an einem grossen Sprach- und Denkproblem, das die zivilisierte Veränderung der Verhältnisse behindert.
In den arabischen Länder gibt es zwei sprachliche Ebenen: die des lokalen Arabisch, d.h. die nationale und regionale Sprachvielfalt der Dialekte versus das Hocharabische. Da gibt es ägyptisch gesprochenes Arabisch, syrisches Arabisch, Saudi-Arabisch, marokkanisches  Arabisch etc. Diese Dialekte sind unsere Muttersprache.  Sie sind jedoch auf die tägliche Konversation beschränkt.  Wir dürfen sie nicht zum Schreiben gebrauchen, besonders nicht in Büchern, Printmedien, Schulbüchern und anderen offiziellen Dokumenten.

Hocharabisch ist die offizielle Sprache in allen arabischen Staaten. Es ist gleichwohl nicht unsere Muttersprache, Tatsächlich spricht niemand diese Sprache als eine Muttersprache, wir beginnen sie erst in der Schule zu lernen mit sechs oder sieben. Es ist unsere zweite Sprache im Gegensatz zu unserem national und regional gesprochene Arabisch, unserer wirklichen Muttersprache.
Da Hocharabisch in den arabischen Ländern über 1400 Jahre die Sprache der Bildung war, wie sie in der Dichtung und der Übersetzung wissenschaftlicher Bücher ins Arabische gebraucht wurde (besonders während des sog. Goldenen Zeitalters), entwickelte es ein riesige Repertoire an Vokabeln. Gesprochenes Arabisch (Dialekte) auf der andern Seite wurde als umgangssprachlich stigmatisiert und blieb auf einfache tägliche Konversation beschränkt. Der Umfang seines Vokabulars blieb dürftig.

Wenn Sie jedoch Araber nach ihrer Muttersprache fragen, sagen sie irreführenderweise: “Arabisch.”, und meinen Hocharabisch, was nicht richtig ist. Unsere Muttersprache ist das gesprochene Arabisch.

Beide Varianten/Ebenen des Arabischen haben ein gewisses Vokabular gemeinsam, mit oft unterschiedlicher Aussprache. Sie sind auch völlig verschieden voneinander im Hinblick auf  Grammatik und Satzstruktur.

Hocharabisch ist die lingua franca für alle Araber, es ist wie Latein für die Spanier, Franzosen, Italiener, deren nationale Sprachen vom Lateinischen stammten und sich daraus entwickelten. Als das Römische Reich Spanien regierte, Frankreich, Italien und Portugal, war Latein die Sprache der Gebildeten und der Wissenschaft, aber die Bevölkerung dieser Länder, weitgehend des Lesens unkundig, benutzte ihre eigenen gesprochenen Dialekte des Lateinischen, genau wie die Araber es tun.

Da die Mehrheit der Bewohner dieser Ländern Analphabeten waren, lernten sie schlecht und recht eine Art Arabisch, d.h. gesprochenes Arabisch, genau wie die Eingeborenen der Karibik, als sie Englisch lernten. Eine Art gebrochenes Englisch, das sich grammatisch und in Bezug auf die Aussprache vom der englischen Hochsprache unterscheidet.

Hocharabisch, die offizielle Sprache in der arabischen Welt, ist archaisch, mit einer archaischen Grammatik, und die Methode der Analyse und des Lehrens ist archaisch.

Daher finden arabische Studenten es extrem schwierig, diese Sprache zu lernen, sie kämpfen mit seiner Grammatik und rigiden Struktur. Arabische Sprachsachverständigenräte und das moslemische religiöse Establishment waren eisern gegen jede Erlaubnis irgendeiner Sprachreform. Sie behaupteten, das sei die  Sprache des heiligen Koran und daher sakrosankt.
Das Hocharabisch hat keine Sprachreformen durchgemacht wie etwas das Englische, Französische und Deutsche. Sie alle haben einen modernen Wortschatz  und moderne Strukturen in sich aufgenommen,

aber die zuständige Sachverständigen für das Hocharabisch haben eine puristische Wächterrolle gespielt.

Sechzig Prozent der Araber sind noch Analphabeten und vom Lesen und Zugang zu Bildung ausgeschlossen. Die Mehrheit der Araber konnte kaum lesen. Sie hassen die pedantische Struktur des Hocharabischen, das liegt an ihrer mangelnden Beherrschung der Sprache. Es ist wie Latein für Spanier, wenn sie gezwungen wären es zu sprechen.

Hocharabisch ist künstliche Sprache. Wir Araber identifizieren und nicht mit dieser „Sprache“. Wir sind nicht darin aufgewachsen.

Menschen rund um den Globus, besonders Westler, lesen gern Bücher, weil sie sich einer Sprache bedienen, die die ihre ist. Sie gibt ihre Muttersprache wieder, ihre Kultur, ihre Geistesart. Einige Bücher werden Bestseller, aber dieses natürliche Phänomen fehlt uns in der arabischen Welt.

In einem Kommentar zu einem Artikel, den ich auf einer arabischen Seite veröffentlichte, berichtet Wafa Sultan eine Geschichte über ihre analphabetischen Mutter. Ein iranischer Freund sprach mit ihrer Mutter Hocharabisch, aber die Dame verstand kein Wort. Er war schockiert und fragte: „Wie versteht sie denn die Nachrichten  im Fernsehen und im Radio (in Hocharabisch)?“ Wafa antwortete: „Sie versteht sie nicht.“ Der Mann schloss daraus, dass die arme Frau nicht nur eingeschlossen ist in den Mauern des Analphabetentums, sie ist auch ausgeschlossen. Sie weiss nicht, was vorgeht.

Von der Muttersprache Gebrauch zu machen ist ein grundlegendes Menschenrecht. Die UN-Charta betont es. Menschen haben dass Recht, ihre Muttersprache zu gebrauchen oder wenigstens eine, die ihr ähnlich ist. Den Kurden zum Beispiel wurde dieses Recht über Jahrzehnte verweigert. Und uns Arabern wird es immer noch verweigert. Wir sind gezwungen, eine Zweitsprache zu benutzen.

Sowohl das religiöse Establishment der Moslems als auch die Pan-Arabisten bestehen darauf, Hocharabisch als die offizielle Sprache beizubehalten aus politischen und religiösen Gründen.

Das religiöse Establishment besteht auf dem Hocharabisch, und seine Scheichs hören sich belesen an und bewandert in einer Sprache, die die Mehrheit der Araber nicht versteht. Daher hören sich moslemische Geistliche wie Gelehrte an, und die Sprache des Koran tönt wirklich göttlich. Pan-Arabisten behaupten,  Hocharabisch sei ein Faktor der Einheit unter den arabischen Ländern.

Die Wahrheit ist, dass arabische Länder wenig gemeinsam haben, ausser vielleicht die Rückständigkeit und Unterdrückung. Sie sind verschieden nach Sprache und Kultur. Sie alle waren Kolonien des moslemischen Imperiums, von Islam unterworfen.

Die linguistische Forschung hat gezeigt, dass Sprache und Denken zusammengehören. Wenn Araber sich selber ausdrücken möchten oder müssen, in einem formellen Rahmen, dann denken sie in ihrem Dialekt (dem gesprochenen Arabisch) und versuchen ihre Gedanken in einer fremden Sprache zu formulieren (einer Zweitsprache), d.h. in Hocharabisch. Sie geraten ins Stocken. Ihr Dialekt ist nicht mit begrifflichen Ausdrücken zum Erklären abstrakter Sachverhalte ausgestattet, und ihr Hocharabisch ist dürftig.

Wenn zum Beispiel ein arabischer Politiker wie Amr Mousa, Vorsitzender der Arabischen Liga, ein Statement improvisiert, spricht er Hocharabisch, es ist wie eine Zangengeburt. Er versucht seine Gedanken, die ins gesprochene Arabisch eingebettet sind, an hocharabische Formeln anzupassen, die kaum Sinn machen, man muss herausbekommen, was er zu sagen versucht. Das Resultat sind diffuse Statements. Öfter als nicht sagen einige arabische Politiker Dinge, die sie nicht meinen, aber sie klingen gebildet.

Das ist einer der Gründe dafür, dass Araber, besonders Politiker, sich so konfus und vage anhören.

Sie wissen nicht, was sie sagen sollen, und wenn sie etwas sagen, beherrschen sie es sprachlich nicht. Sie verfügen nicht über ein flexibles, facettenreiches und  kompliziertes Argumentationsvermögen. Da sie keine überzeugende Sprache besitzen, greifen sie zu repressiven Mitteln der Gewalt.

Unter anderem schlug ich vor, beides zu einer Sprache zu vermischen, das gesprochene und das Hocharabisch. Im Laufe der Zeit würde diese neue Sprachart von allen internalisiert und am Ende hätten wir eine bildungsreiche Hochsprache als Muttersprache, in der wir denken und uns ausdrücken  könnten.  Wir müssten nicht immer umschalten zwischen der Sprache, in der wir denken und einer anderen, die uns fremd ist. Nur dann könnte das arabische Denken mit der Realität vor Ort zurecht kommen und wären wir in Lage, zu sagen, was wir wirklich denken.

Wer über reichhaltige Ausdrucksmittel verfügt als Muttersprache, denkt klarer. Und genau daran gebricht es den arabischen Gesellschaften.

Orig. Arab language oppression squelches intellectual growth. (übers. Regine Winter)

Sami Alrabaa, Ex-Moslem, ist Contributing Editor von FamilySecurityMatters.org, Professor für Soziologie und Spezialist für Arabisch-Moslemische Kultur. Er lehrte an der King Saud Universität von Kuwait und an der Michigan State Universität. Er schreibt auch für die Jerusalem Post.

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