WALDESRAUSCHEN IM SLOTERDIJK-WORTPARK

Posted on April 7, 2009

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Sloterdijks Gespür für das Projekt Europa

oder die feine philosophische Nuance von Peter S. zu Peer S.

Heute 7.4.09 ein ganzseitiges Interview mit Sloterdijk im Zürcher Tages-Anzeiger

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Der-Feigling-will-nicht-beim-Namen-genannt-werden/story/26054798

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Unter dem Titel „Der Feigling will nicht beim Namen genannt werden“ erscheint nach dem hässlichen Deutschen Steinbrück noch ein sehr schöner Deutscher in den Schweizer Medien und erklärt den Schweizern wieder, wo’s nicht lang geht. Der „originelle Denker“ Sloterdijk hat sich wieder etwas ausgedacht, was den Schweizern die Welt erklären soll, die ohne die deutschen Leuchttürme nicht die richtige Orientierung hätten (vergl. Prantl, der schon in der Süddeutschen von „Peinlichen Schweizern“ schrieb, weil die von der SVP lancierte Volksinitiative zum neuen Asylgesetz nicht im Sinne der Süddeutschen ausfiel, Schweizer Volksabstimmungen sind für Prantl und Genossen peinlich, siehe die Sichel: Ein Leuchtturm für Europa.
http://www.oyla2.de/cgi-bin/designs/vac_2/index.cgi?page=text&id=984547101167363727&userid=38183974

Der peinliche Deutsche Steinbrück hat Prantl so gut gefallen, dass er in der Süddeutschen seine Peinlichkeiten bestätigen darf: „Der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück hat seine Kritik an der Schweiz bekräftigt. Die Schweiz lädt Ausländer dazu ein, gegen Gesetze in ihren Heimatländern zu verstossen“, sagte Steinbrück der „Süddeutschen Zeitung“.

Aber das ist nur die untere Schublade der Politik, in den höheren Wolken des deutschen Weltgeistes waltet Peter Sloterdijk „mit dem feinen Gespür für Nuancen“ und erklärt der Schweiz die Weltgeschichte. Dass der Philosoph mit dem feinen Gespür mit dem Hammer philosophiert (wie ein Kommentator zustimmend anmerkte), fällt den linken Lesern nicht weiter störend auf, die begeistert dem sloterdijkschen Orakel über die Schweiz lauschen.
Was dem neuen deutsche Weltgeist, der den Hammer gegen die Schweiz so nuanciert schwingt, nicht ins Blickfeld gerät: Er reduziert die Schweiz nach Vulgärmarxistenmanier auf ihre Banken. Andere Gründe für eine Sonderstellung kommen nicht vor in dieser Vorstellung des Sloterdijîjks-Opus „Du musst dein Leben ändern.“ Politische grpnde wie die in Europa einzigartige direkte Demokratie zählt nicht für die Autonomie. Das soll die EU nämlich ändern.

Zum Verhältnis Deutschland und Schweiz weiss der Philosoph, Steinbrück habe den „kritischen Punkt der Nichtmitgliedschaft der Schweiz am europäischen Projekt“ getroffen.
Nämlich das, was auch Sloterdijk in schöner deutscher EU-Seligkeit der Volksentrechtung dafür hält. Das Projekt der EU-Eliten, deren grösstes Problem darin besteht, wie sie die nicht gefragte Bevölkerung auch weiterhin von Mitsprache über die monströsen EU-Projekte ausschliessen können. Peter der Grossprojektor der EU-Philosophie wörtlich:
„Hinter ihrer Nichtmitgliedschaft steht keineswegs ein besonders sensibles Autonomiebewusstsein,sondern das Interesse an der Erhaltung einer Steuerenklave.“

Andere Interessen scheint der Denker in der feuddalen Tonne nicht zu kennen. Wie schlicht doch die grosse Wahrheit des Marxismus wieder neu sich offenbart, dass es ausser den ökonomischen Verhältnissen keine andere Basis der Gesellschaft gibt. Alles andere nur Überbau? . Es gibt keine politische Autonomie, die für die Schweizer zählte, es gibt nur die Bankenpolitik und sonst gar nichts, die philosophische tonne hat gesprochen.

Direkte Demokratie? Kein Thema, zumal es schon älter ist als die Banken. Sloterdijk erklärt den Schweizern hier die Schweiz, die er zwar nicht kennt, aber dafür weiss er, worum es dort immer nur geht. Im Gegensatz zum Grossprojekt EU, wo es nicht ums arabische Öl geht, sondern? Aber diese Nuance spricht der Philosoph nicht an. Hier spricht wieder das besonders sensible deutsche Weltgeistbewusstsein, das hoch über den Niederungen der staatlichen Souveränität schwebt. Der unpbersetzbare Weltgeist, der sich in Deutschland so unvergesslich inkarniert hat, muss es ja wissen. „Die Schweiz als Urkanton Europas“ von Sloterdijks Gnaden wird schlicht in die EU integriert, ob erstere das will oder nicht, denn so etwas wie eine „Nichtmitgliedschaft am europäischen Projekt ist gar nicht denkbar.“ Zumindest nicht für den professionellen Denker Sloterdijk ist so etwas nicht denkbar. Es war auch schon für die gewissen rassigen Vorfahren nicht denkbar, dass ein kleines Land sich dem grossen Projekt widersetzen könnte.

Was Sloterdijk mit dem Schwammbegriff vom „europäischen Projekt“ so en passant unter den Tisch wischt, ist die nationale Souveränität der Schweiz, die keineswegs Mitglied von Bündnissen ist, denen sie gar nicht angehört, egal welche anderen wirtschaftlichen und politischen Verbindungen sie in Europa haben mag. Vertragspartner sind nicht automatisch Mitglieder der „Partner“-Organisationen, der Denke weiss nicht was staatliche Souveränität heisst, die ihm fremd ist. er kommt ja aus einem anderen land, wo sie nicht so selbstverständnlich war wie in der Schweiz. Das „Projekt“ ist bis heute kein Schweizer Projekt, es mag ja ein Sloterdijk-Projekt sein, aber das ist für die Schweizer Stimmbürger hoffentlich noch lange nicht massgebend.

„Ohne die Krise, die den Finanzministern in aller Welt die Sporen gibt“, weiss der Philosoph aus dem Land der Dichter und Denker, der aus dem deutschen Waldesdunkel und Worterauschen kommt, „hätte es mit den Finanzoasen noch lange so weitergehen können.“ Dass der Minister aus dem grossen Kanton nun in der Schweiz, die die Krise nicht verursacht hat, nach Sündenböcken für die die eigene Misswirtschaft sucht, ist völlig einleuchtend. Aber wenn Sloterdijk von der „fehlenden Zukunftsfähigkeit unsres Gesamtsystems“ spricht, hört sich das an wie ein alte bekannte Klappermühle, aus der auch noch keine real überzeugenden Projekt hervorgingen. Sloterdijk scheint die EU für ein solches zu halten. Oder noch besser: Sloterdijks Perspektive vom zu ändernden Leben.

Dass der Philosoph die Welt, die er eher zynisch mit dem Opernglas aus der Tonne beschreibt, nun ändern will bzw. will dass andere es sollen, ist schon eine Pointe für sich. Er hat auch etwas entdeckt zum einüben in neue Sloterdijksche Begriffsmuster: Das Einüben oder die „Selbstformung des Menschen durch das übende Leben.“ Früher sagte man einfach: Übung macht den Meister, aber für Denkmeister Sloterdijk wäre das zu schlicht gesagt. Es soll etwas ganz Neues noch nie Gedachtes sein, dazu muss es so eingewickelt werden, dass man vor lauter Sprachkapriolen der Rede Sinn nicht mehr entdeckt. Sloterdijk verfügt über ein ganzes Repertoire von Sprachschwämmen, an denen man nur ein bisschen drücken muss, dann kommt Wasser raus, in dem sich alles auflöst.

„Was an der Ethik entscheidend ist, sind nicht abstrakte Prinzipien“ (haben wir das nicht schon mal gehört?), „sondern die Verkörperung der sogenannten Werte durch Übung.“
Dass auch ein durch Übung verfestigter Wert ein Wert ist und die Übung“ wertlos bliebe, wenn sie keinem solchen gälte, ihn nicht voraussetzte, dazu kommt das Interview nicht. Denn die Sloterdijkschen Wortwasserfälle schwemmen alles weg, was klare Konturen annehmen will. Deutsches Waldesrauschen? Unbekommert schwatzt der Denkprojektor drauflos:
„Das Auftauchen der Ethik liefert das Muster einer Revolution: Sie stellt einen Einschnitt in der Verhaltensgeschichte der Menschheit dar. Alle herkömmlichen sozialen Beziehungen, alle Gewohnheiten, alle Affektmuster, alle Gedankenklischees werden in dieser Revolution verworfen und von Grund auf neu geformt. Dies war der grösste Bruch mit dem Herkommen des Homo sapiens.“

Bei Lichte betrachtet ist das schlicht Unsinn. Es gibt keine Ethik, die „alle herkömmlichen sozialen Beziehungen“ verworfen hätte – sondern immer nur eine, die auf solchen aufbaut, sie artikuliert oder auch sich gegen sie positioniert, aber keine die alle verwirft, auch wenn sie dass behauptet. sie kommt nicht aus dem Nichts. Das „Auftauchen der Ethik“ (wann bitte? Kann er das belegen?) verwirft auch nicht alle Affektmuster, erfindet den Menschen und menschliches Verhalten nicht neu, kann es allenfalls systematisieren, und positik oder negativ sanktionieren. Die Revolution durch Übung hat nie stattgefunden, denn Übung durch Wiederholung kultureller Verhaltensmuster gibt es immer schon seit Beginn der Kultur. Der angeblich revolutionäre Anfang bleibt bei Sloterdijk auch entsprechend nebulös, ein grosser Begriffsschwamm. Man muss ihn nur ausdrücken und gucken was rauskommt und übrigbleibt.

Dass das Wissen, das im frühen christianisierten Europa in Klöstern gepflegt wurde, bis zu seiner allmählichen Verbreitung im gewöhnlichen Volk nach der Reformatiun, noch lange Zeit ein Privileg der theologischen und dann auch der weltlichen humanistischen Eliten war und kein Volksgut, das präsentiert Peter Sloterdijk so, als hätte er es soeben entdeckt. Dass Klosterschulen die ersten Schulen für die Heiden im Missionsgebiet Europas waren nach dem Untergang der griechisch-römischen Antike, ist keine Offenbarung von Sloterdijk, aber offenbar für den Tages-Spiegel. Auch von christlicher Weltverachtung und Jenseitsorientierung haben wir schon gehört, bei Sloterdijk wird daraus kapriziös ein mentales Trainingsprogramm für die „Athleten Christi.“ Dass Europa im Gegensatz zum buddhistischen Indien den „gefährlichen Weg der Weltveränderung“ eingeschlagen habe ohne den der Selbstveränderung wie die Meditation ihn lehre, also M.a.W. die technischen Fähigkeiten des Menschen übersteigen seine ethischen Kapazitäten bzw. seine moralische Entwicklung bleibt hinter seiner Macht, die Welt zu verändern, zurück, ach woher kennen wir das schon wieder? Das ist doch alles kalter Kaffee in neuen Kännchen mit skurrilen Aufschriften. Im Orakelton vorgetragen klingt es so:
„Das Prinzip Weltveränderung betritt, wie ich zeige, im 17. Jahrhundert die Bühne. Im 18. und 19. Jahrhundert wandelt es sich zur Ideologie des Fortschritts, im 20. wächst es zu einer umweltvernichtenden Grossmacht heran. Seither fangen wir an zu begreifen, dass Weltveränderung ohne Selbstveränderung ein Zerstörungsprogramm bedeutet.“

Dass schon die römischen Imperatoren und andere von ihren Ambitonen, Gründer von Weltreichen sowie die bekannten Religionsgründer gewisse Verstellungen von Weltveränderung hatten, hat Sloterdijk vielleicht während des Gesprächs vergessen, weil er unbedingt das Pulver wieder erfinden will und es im 17. Jahrhundert entdeckt. Der Tagesspiegel kann das auch im Gespräch so schnell nicht nachprüfen. Aber Sloterdijk wird schon wissen, dass der griechische Gedanke vom Kreislauf der Dinge durch einen anderen von der linearen Heilsgeschichte abgelöst wurde, der in solchen Visionen wie der marxistischen Fortschrittsvision mündete, und dass auch dieser Fortschrittsglaube schon seit langen in Europa infrage gestellt wurde. Die Kommentatoren von TA nehmen es wie ein Offenbarung von oben entgegen im Zustand der Verzückung, einige sind wie vom Blitz der Erleuchtung getroffen: „Plötzlich schlägt Direktheit in Wahrheit um.“ Doch, das haut um. Nach dem Weg von der „Direktheit“ des deutschen Finanzdirektors gegenüber der Schweizer Demokratie-Oase, aus der die Deutschen so gerne grasen, bis zur „Wahrheit“ des deutschen Denkmeisters fehlt nur noch ein kleiner Rest des Wegstücks bis zu den Wüstenquellen Allahs. Sloterdijks Offenbarunng sind in Orakelfragmente verpackte Banalitäten, die aber sehr schnell als Ballahnitäten zu entziffern sind. Die Veränderung der Welt durch Allah ist ja im voll Gange, während Sloterdijk es die notwendige „Selbstveränderung“ nennt. Aber statt sein Denken zu verändern, kann er es nicht lassen zu allen Weltproblemen von A bis Z seinen Senf zu geben und der Schweiz eine Veränderung im Sinne von Peer Steinbrück in philosophischer Verkleidung vorzuhalten, da eine Alternative zum „Projekt Europa“, wie es die Entmündiger der Völker Europas verstehen, für Sloterdijk, dessen Denken selbstverschuldet ist, nicht denkbar ist.
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Deutsche und Schweizer wohnen auf verschiedenen Planeten, schreibt Thomas Hürlimann in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Auszug im Schweizer Tages-Anzeiger:
http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Herr-Steinbrueck-Sie-haben-Mundgeruch/story/20585357

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